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2019 07 19 Studien Gentec BerlinFreitag, 19. Juli 2019. Verbändehaus Marienstr. 19/20, 10117 Berlin

 

Am 19. September lud Martin Häusling zur Studienvorstellung zum Thema Neue Gentechnik „Zukunft oder Zeitbombe? Designerpflanzen als Allheilmittel sind nicht die Lösung“ ein. In der Studie sowie der sich anschließenden Debatte mit Expert*innen und dem Publikum ging es – vor dem Hintergrund der Angriffe auf die EU Freisetzungsrichtlinie – um die Versprechen der Neuen Gentechnik in der Landwirtschaft, dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur Neuen Gentechnik, dem Potential genetischer Vielfalt von Sorten und die Bedeutung des gern zitierten Innovationsprinzips.

 Dr. Andrea Beste, Büro für Bodenschutz & Ökologische Agrarkultur, leitete durch das Programm.

 

Heike Moldenhauer (EU Policy Advisor beim Verband Lebensmittel ohne Gentechnik (VLOG)) verglich die Diskussionen um die alte und neue Gentechnik und zeigte auf, wie Namensgebung dem Verbraucher Zuverlässigkeit und Ferne zur alten Gentechnik suggerieren solle. Die neuen Verfahren ermöglichen jedoch weitaus größere Veränderungen am Erbgut und seien wiederholt, hintereinander und gleichzeitig anwendbar. Es gebe zudem keine Geschichte der sicheren Nutzung dieser Technologien. Die Heilsversprechen der neuen Gentechnik vereinfachen laut Moldenhauer komplexe Sachverhalte und offerierten scheinbare Lösungen durch den Einsatz eines Werkzeugs bzw. einer Technologie. So sei das Argument der Hilfe gegen den Welthunger nicht haltbar; die Produktion an Nahrungsmitteln auf der Erde sei mehr als ausreichend, vielmehr gehe es darum, wozu sie eingesetzt würden. Die Anpassung an den Klimawandel erfordere ganzheitliche Ansätze, wie resiliente landwirtschaftliche Systeme, statt der Änderung einzelner Merkmale in Pflanzen. Zudem würden von den neuen Gentechniken am Ende wieder die Agrarriesen profitieren und nicht die KMUs. Die Konzerne seien diesen strukturell und finanziell immer überlegen und hielten bereits jetzt die maßgeblichen Patente. Die EU- Gentechnikregulierung als zentrale Errungenschaft der Zivilgesellschaft müsse unbedingt erhalten bleiben.​

Präsentation Heike Moldenhauer (0,2 MB)

 

Katrin Brockmann (Rechtsanwältin mit Schwerpunk Umweltrecht) betonte in ihrer Analyse des EuGH-Urteils, dass durch den Rechtsspruch neue Gentechnikverfahren nicht verboten, sondern lediglich gesetzlich reguliert würden. Es könne daher weiter mit den neuen Gentechnikverfahren geforscht - und Produkte grundsätzlich zugelassen werden. Grundvoraussetzung dafür sei eine Risikoprüfung, Kennzeichnungspflicht und die Bereitstellung von Nachweisverfahren. Nach einer Marktzulassung müsse Monitoring und Rückverfolgbarkeit gewährleistet sein und Einträge in Standortregister vorgenommen werden. Die Umweltpolitik der Union ziele darüber hinaus unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Gegebenheiten in den einzelnen Regionen der Union auf ein hohes Schutzniveau ab. Sie beruhe auf den Grundsätzen der Vorsorge und Vorbeugung, auf dem Grundsatz, Umweltbeeinträchtigungen mit Vorrang anihrem Ursprung zu bekämpfen, sowie auf dem Verursacherprinzip. Darauf verweist der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union.

Prsäentation Katrin Brockmann (5,5 MB)

 

Hans-Joachim Bannier (Betreiber einer Apfelplantage und Autor einer Studie über Apfelzüchtung) berichtete von den Problemen im heutigen Apfelanbau. Die heute gängigen Apfelsorten seien fast ausschließlich nur mithilfe intensiven Pestizideinsatzes von Apfelschorf und anderen Krankheiten freizuhalten. Der Einsatz von Pestiziden steige trotz der Versprechen des sog. "integrierten Pflanzenschutzes" immer weiter an, zulasten des Ökosystems und der Verbraucher.  Grund dieser Entwicklung sei, dass durch die Entwicklung der chemischen Pestizide in der ersten Hälfte des 20. Jh. auch Sorten angebaut werden konnten, die zwar jedes Jahr reich blühen, aber ohne intensiven Pflanzenschutz keine Chance hätten. Mit dem 'Golden Delicious' und 4 weiteren Apfelsorten habe man im Anbau fortan auf hoch anfällige Sorten gesetzt. Auch die Züchtung habe sich seit etwa 1930 nur noch auf die Verbesserung von Fruchteigenschaften etc. gekümmert, während die Vitalität der Pflanzen nicht im Fokus der Züchter stand. Dass man seither weltweit nur noch mit 5 verschiedenen Apfelsorten (und deren Nachkommen) gekreuzt habe, habe eine beispiellose genetische Verarmung und inzucht-ähnliche Verhältnisse zur Folge gehabt.

Heute versuchten die Züchter, mit dem Einkreuzen einzelner Resistenz-Gene aus dem Wildapfel wieder mehr Robustheit in die ansonsten hoch krankheitsanfälligen Apfelsorten zu bekommen. Dieser Weg der sogenannten "monogenen Schorfresistenzen" - so Bannier - sei beim Apfel jedoch bereits gescheitert, wie das Beispiel der bekannten Apfelsorte 'Topaz' zeige: Die anfänglich vorhandene Resistenz sei dort schon nach 10 Jahren Anbau völlig zusammengebrochen - ein Phänomen, das es bei traditionellen Apfelsorten ebensowenig gebe wie bei den Züchtungssorten früherer Zeiten.

Auch mit einzelnen gentechnisch 'eingebauten' Genen könne man das grundlegende Problem des Obstbaus nicht lösen, so Bannier. Solchermaßen "resistent" gemachte Pflanzen würde regelmäßig bereits nach kurzer Zeit wieder von sich anpassenden Pilzen oder Schädlingen befallen. Nötig sei ein 'Systemwechsel' - weg vom "Tunnelblick auf einzelne Gene" und hin zur umfassenden Begutachtung der Vitalität der Pflanzen, wie man es vor 1930 in der Apfelzüchtung noch praktiziert habe. Die damalige Apfelzüchtung hätte Sorten mit langfristig stabilen (polygenen) Resistenzen hervorgebracht.

Leider gebe es für diese - weitaus nachhaltigere - Art der Züchtung heute praktisch keine staatlichen Gelder mehr (während die staatlichen Zuschüsse für Gentechnik ein hundertfaches betragen). Nötig sei hier ein Umdenken auch auf politischer Ebene.

Präsentation Hans-Joachim Bannier (5,5 MB)

 

Dr. Angelika Hilbeck (Vorstandsmitglied des Europäischen Netzwerks der Wissenschaftler für soziale und ökologische Verantwortung (ENSSER)) kommentierte die Studie mit weitergehenden Gedanken und Vergleichen. Sie mahnte, dass Leben und Evolution nicht allein auf DNA und Werkzeuge reduziert werden könne. Dies zeuge von einer simplistischen, eindimensionalen Weltanschauung, denn DNA sei nur eine von mehreren Dimensionen der Evolution. Die Idee, die Welt mit Punktmutationen retten zu können, zeuge von einer verklärten Technologiegläubigkeit, all die wissenschaftlichen Versprechen der Gentechnik der Vergangenheit konnten bislang nicht eingehalten werden, weil die Technologie auf veralteten Konzepten der Genetik aufbaue. Die Versprechen und der Hype um die angeblichen Möglichkeiten der Gentechnik hätten jedoch durchaus Erfolge erzielt - in finanzieller Hinsicht wären viele Menschen dadurch sehr reich geworden. Investitionen in einschlägige Biotech-Startups schössen ja regelmäßig durch die Decke, obwohl die versprochenen Produkte selten bis nie geliefert werden. Es stelle sich nun die Frage, ob öffentliche Forschungsgelder, die in diese Branche fließen, nicht in anderen Feldern besser aufgehoben wären, die oftmals nachweislich einen deutlich besseren Leistungsnachweis vorweisen können in der Lösung derselben Probleme. 

Aufgrund der größeren Eingriffstiefe und Wirkmächtigkeit von CRISPR & Co, unzureichendem Wissen  von Genfunktionen/- interaktionen im Wechselspiel mit der Umwelt sowie der Einfachheit an die CRISPR „Scheren“ zu gelangen, forderte Hilbeck sogar eine striktere Regulierung der neuen Gentechnik im Vergleich zu den herkömmlichen Technologien.

Präsentation Angelika Hillbeck (1,5 MB)

 

Martin Häusling (agrarpolitischer Sprecher der Fraktion Die Grünen/EFA und Biobauer) schloss die Veranstaltung mit der Frage nach der Definition von Innovation ab. Der Neologismus Innovationsprinzip lasse nichts Verwerfliches vermuten, schließlich sei Innovation ein wichtiges Gut. Den Wortschöpfern scheine es aber gar nicht um Innovation, vielmehr um die Aushebelung der für sie unbequemen regulatorischen Richtlinien und des Risikomanagements im Rahmen des Vorsorgeprinzips der EU zu gehen. Innovative Werkzeuge versprechen nicht automatisch innovative Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit. Vielmehr zeige uns die Erfahrung, dass das Nachahmen/Unterstützen natürlicher Prozesse und Regelmechanismen zu naturverträglicheren Lösungen führe, als der Eingriff naturfremder Mittel. Er plädierte, sich auch weiterhin vehement gegen die Verwässerung des europäischen Vorsorgeprinzips und der Freisetzungsrichtlinie einzusetzen.

 

Zur Studie Gentechnik

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