Studie downloaden (DE)  (pdf)

 

Über 50 Prozent der globalen Landoberfläche bestehen aus meist trockenen, aber auch zu kalten, zu steilen oder zu hochgelegenen
Gebieten, in denen Getreide-, Obst- und Gemüseanbau nichtnachhaltig möglich ist. Diese Steppen und Gras-Savannen werden sehr oft als Weideflächen genutzt. Schon in früheren Zeitenwurde die Weidewirtschaft, erst recht, wenn sie nomadisch geprägtwar, geringer geschätzt als der Ackerbau. Historisch galtAckerbau – und damit Sesshaftigkeit - lange als die höhere Zivilisationsstufe, im Vergleich zur nomadischer Weidehaltung. Das trägt immer noch Züge einer kolonialen Interpretation und ist im 21. Jahrhundert nicht mehr angemessen. Die Tatsache,dass mit Weidehaltung Ökosysteme für die menschliche Ernährung erschlossen werden können, die ansonsten nicht für diemenschliche Ernährung genutzt werden könnten und dass Weidehaltung – richtig praktiziert – eine besonders nachhaltige Nutzung von Ökosystemen ist, spielt in der Diskussion allermeistens keine Rolle.

Eine weitere Steigerung der Missachtung geschieht gerade aktuell im Kontext der Klimadiskussion, in der das Rind für seine Methanemissionen sprichwörtlich „verhauen“ wird, obwohl es potentiell (zusammen mit anderen Wiederkäuern, wie Ziegen und Schafen) am nachhaltigsten für die Menschliche Proteinversorgung genutzt werden kann, da es schlicht von natürlichem Aufwuchs lebt, die Biodiversität fördert und Klimaschutz praktiziert.
Abgesehen von Böden in Permafrostregionen enthalten nämlich Moore und Grasland den größten Teil des im Boden gespeicherten Kohlenstoffs. Werden sie in Ackerland umgewandelt, werden große Mengen an Treibhausgasen freigesetzt, die Biodiversität wird oft zerstört und die Bodenfruchtbarkeit und Wasserspeicherkapazität nimmt erheblich ab. Der Umbruch von Grasland ist in Mitteleuropa seit vielen Jahren mit sehr hohen CO2-Emissionen verbunden. Die Kohlenstoffsenke Grasland zu erhalten funktioniert nur mit grasfressenden Tieren.
Die Welternährungsorganisation FAO schätzt, dass für 100 Millionen Menschen in Trockengebieten und wahrscheinlich weitere 100 Millionen Menschen in anderen Regionen Weidevieh die einzige verfügbare Protein- und auch Einkommensquelle ist. Doch bis heute fließen ungleich mehr Investitionen in die Weiterentwicklung des Ackerbaus als in die Verbesserung natürlicher Weiden und deren Tierbestand. Dies gilt vor allem für marginalere Weiden wie z.B. in Trockengebieten. Ein Grund dürfte der geringe Investitionsanreiz sein: Weidehaltende verbessern ihren Ertrag fast ausschließlich durch die Optimierung natürlicher Ressourcen und weniger durch industriell gefertigte, externe Produktionsmittel. In Europa sind Tierhalter, die auf Weidesysteme setzen seit vielen Jahren oft ökonomisch marginalisiert und ihr Beitrag zu funktionierenden Ökosystem wird nicht gesehen, geschweige denn ausreichend vergütet.
In fast allen Ländern des globalen Südens sind es Weidehaltende, die den schlechtesten Zugang zu sozialer Infrastruktur und Bildung haben – entsprechend gering sind ihre Möglichkeiten politischer Einflussnahme. Das Internationale Jahr der Weidelandschaften und des Hirtentums 2026 ( International Year of Rangelands and Pastoralists - IYRP2026) habe ich zum Anlass genommen, eine Studie zum Status Quo sowie zum Schutz und zur Nutzung globaler Weidegebiete in Auftrag zu geben. Ich wünsche mir, dass diese Form der nachhaltigen Tierhaltung mehr Anerkennung und Unterstützung erfährt und Euch viel Spaß und neue Erkenntnisse bei der Lektüre!

Aufnahme der Veranstaltung am 27.01.2026