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Welthandel und Welternährung

27.01.2023

WELT - EU-Solidaritätskorridore: Bauern klagen über billiges Getreide aus der Ukraine

Von Tobias Kaiser - Korrespondent in Brüssel

Die EU hat ihre Grenzen für ukrainische Landwirte geöffnet. Seit dem Frühjahr können sie Getreide leichter in die EU und von dort weiter transportieren. Bei Bauern in Polen und Rumänien sorgt das für Frust. Ein Zurück scheint ausgeschlossen - die mögliche Lösung könnte teuer werden.

Nicht abgeerntete Felder, auf denen Maispflanzen vor sich hin rotteten, waren in den vergangenen Monaten das deutlichste Zeichen für die Probleme der Bauern in der rumänischen Grenzregion zur Ukraine. Die Landwirte klagen darüber, dass billiges Getreide aus der Ukraine ihnen ihr Geschäft kaputt mache. Das Überangebot sorge dafür, dass sie ihre eigenen Ernten nur noch unter Produktionskosten verkaufen könnten. Oder das Ernten eben gleich lassen.

Die Bauern sehen sich als Opfer einer gut gemeinten EU-Politik, die ihnen das Geschäft verdirbt. Die Marktverwerfungen sind eine Erinnerung daran, dass selbst gut gemeinte staatliche Maßnahmen nicht vorhersehbare teure Konsequenzen haben können.

In diesem Fall sind es die sogenannten Solidaritätskorridore: Nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine und der Blockade ukrainischer Häfen durch Russland, wollte die EU ukrainische Erzeuger beim Verkauf von Getreide ins Ausland unterstützen. Die russische Exportblockade drohte damals die Ukraine, einen der weltweit größten Agrarexporteure, vom Weltmarkt auszuschließen.

Im Mai vergangenen Jahres machte die EU es deshalb ukrainischen Landwirten leichter, ihre Ernten über die Nachbarländer Polen, Ungarn und Rumänien zu exportieren. Sie schuf dafür die sogenannten Solidaritätskorridore.

Dabei geht es vor allem um bürokratische Erleichterungen: Alle EU-Zölle für Agrarprodukte aus der Ukraine sind bis Mitte dieses Jahres ausgesetzt und die Mitgliedstaaten sind angehalten, Lieferungen aus der Ukraine so unbürokratisch und schnell wie möglich abzufertigen. Hinzu kommen Infrastrukturmaßnahmen wie zusätzliche Verladeeinrichtungen für Getreide oder zusätzliche Speicher in den Nachbarländern, um Getreide zwischenzulagern.

Eigentlich sollten die Erleichterungen dafür sorgen, dass die Ukraine ihr Getreide in Drittländer, vor allem in den Nahen Osten, verkaufen kann. Vor dem Krieg war es meist verschifft worden. Jetzt wird es über Straßen, Schienen und Flüsse transportiert, landet zu einem großen Teil in den Grenzregionen, wo es vorher nicht verkauft wurde, und verdirbt dort den Bauern das Geschäft. Rumänische Bauern warnten bereits im vergangenen Jahr vor Pleiten.

Was von der Politik zunächst als Anlaufschwierigkeiten der neuen Lieferwege abgetan wurde, hat sich in den vergangenen Monaten zum Dauerproblem entwickelt. Verschärft wird die Situation dadurch, dass die betroffenen Regionen in Polen und Rumänien besonders arm sind und die Landwirtschaft dort ein wichtiger Wirtschaftszweig ist.

"Die Solidaritätskorridore waren und sind notwendig, um Getreide über Straße und Schiene aus der Ukraine zu bekommen", sagt Norbert Lins. Der CDU-Politiker ist Vorsitzender des Landwirtschaftsausschusses des Europäischen Parlaments. "Wir sehen aber, dass die Korridore sich negativ auf die Landwirtschaft in den Grenzregionen auswirken."

Die betroffenen Landwirte klagen, sie würden aus dem Markt gedrängt: Das Getreide aus der Ukraine sei billiger als das vor Ort angebaute. Ukrainischer Weizen beispielsweise sei bis zu 20 Prozent günstiger als der in Polen angebauter. Für Mühlen und andere Großkunden ist es deshalb attraktiver, auf ukrainischen Weizen umzusteigen.

Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki hat zwar angekündigt, dass ukrainisches Getreide in Polen nicht verkauft werden darf. Das Verbot lässt sich aber offenbar leicht umgehen.

"Eigentlich sollte für den Transport ein Großteil auf die Bahn verladen werden, zum Beispiel zu den Ostsee-Häfen", sagt der EU-Abgeordnete Martin Häusling (Grüne), der im Agrarausschuss sitzt. "Leider klappt nach wie vor das Umladen nicht. Beim Ausbau der Eisenbahn hakt es, weshalb viel Getreide per Lkw transportiert wird und dann in den Nachbarstaaten landet. Dort verzerren diese Getreideeinfuhren die dortigen nationalen Märkte, vor allem in Rumänien."

Hinzu kommt, dass die Lieferungen, die in Polen oder Rumänien ankommen, offenbar nicht immer attraktiv für die traditionellen Kunden sind. Etwa beim Mais: Traditionell haben ukrainische Landwirte ihren Mais vor allem nach Italien, Spanien, Portugal und teilweise auch die Niederlande verkauft. Dort wird er verfüttert. Die Mengen, die jetzt mit Lkw und Zügen über die ukrainische Grenze kommen, sind aber offenbar zu klein für Großhändler, die zuvor ganze Schiffsladungen angekauft haben.

Die Bauern in den Grenzregionen leiden außerdem darunter, dass die zusätzlichen Getreidemengen, die aus der Ukraine kommen, ihre Transportkosten in die Höhe treiben. Lastwagen und Güterwaggons sind knapp. Die EU-Maßnahmen für die Solidaritätskorridore sehen zudem vor, dass Betreiber von Binnenhäfen und Eisenbahnen Getreidelieferungen aus der Ukraine bevorzugt behandeln sollen.

Bauern klagen zwar schon seit Monaten über Probleme, aber die Europäische Kommission, die Verwaltung der EU, konnte oder wollte das Problem lange nicht sehen. Noch Ende September sagte der zuständige Landwirtschaftskommissar Janusz Wojciechowski, dass die Lieferungen über die Korridore keine Auswirkungen auf die Bauern in den Grenzregionen hätten.

Die Haltung der Behörde hat sich inzwischen offenbar geändert. Am Rande der Grünen Woche in Berlin sagte Wojciechowski, dass die Getreidelieferungen die lokalen Märkte verzerrten. An den Erleichterungen für die ukrainischen Exporteure wolle die EU aber festhalten.

Die Korridore gelten in Brüssel als großer Erfolg. Zuletzt wurden über sie im Monat rund drei Millionen Tonnen Getreide transportiert. Sie haben offenbar auch dazu beigetragen, die Weltmarktpreise für Weizen zu senken: In den zwei Monaten nach dem Start der Korridore sackten die globalen Weizenpreise auf das Niveau von vor dem russischen Einmarsch ab.

Möglich wäre zwar, die Regeln teilweise zu ändern, etwa auf bestimmte landwirtschaftliche Produkte wieder Zölle zu erheben. Aber das politische Signal wäre heikel. Auch Bauernvertreter werden nicht müde zu betonen, dass ihre ukrainischen Kollegen unterstützen wollen und auch ihnen am Herzen liege, Mangelernährung in ärmeren Ländern zu verhindern.

Die wahrscheinlichste Lösung lautet deshalb: mehr Geld für die Betroffenen. Agrarkommissar Wojciechowski sagte in Berlin, dass unter Umständen Hilfen aus einem Krisenfonds fließen könnten. Dafür müssten allerdings alle EU-Länder zustimmen und das ist alles andere als sicher.

Deshalb forderte der Kommissar auch im gleichen Atemzug die betroffenen Länder auf, den Bauern finanziell zu helfen. Schon in der kommenden Woche gibt es zwei Gelegenheiten, eine Lösung zu finden: Am Montag treffen sich die EU-Landwirtschaftsminister in Brüssel und am 3. Februar die EU-Kommission und die ukrainische Regierung in Kiew. Dort dürften die Marktverwerfungen auch Thema sein.

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21.01.2023

FOCUS - Noch mehr EU-Agrar-Milliarden? Debatte um Putin-Nachschlag für Bauern

Analyse von Hans-Jürgen Moritz
 
Eigentlich sollte 2023 die Wende in der EU-Agrapolitik bringen. Stattdessen beginnt das neue Jahr mit einer altbekannten Diskussion: Wie man noch mehr Geld in das für Laien undurchschaubare System pumpen könnte, das für seine Subventionen traditionell erhebliche Mittel aus dem EU-Haushalt beansprucht.

Janusz Wojciechowski ist auf einer Mission, ob in Brüssel oder Berlin. Was der polnische EU-Agrarkommissar schon im Europäischen Parlament als Botschaft hinterließ, brachte er nun auch bei der Eröffnung der Internationalen Grünen Woche unter: „Wir brauchen einen stärkeren Haushalt als jetzt, einen Haushalt, der die Tiefen unserer Herausforderungen reflektiert und der Höhe unserer Ambitionen gerecht wird.“

EU-Agrarkommissar: Bauern können nicht mehr für weniger liefern

Die Tiefen, das sind die Folgen des russischen Überfalls auf die Ukraine, für EU-Bauern vor allem höhere Energie-, Dünger- und Futtermittelkosten. Mit ihnen wird die anhaltende Preisexplosion bei Lebensmitteln begründet – im November mehr als 18 Prozent im EU-Durchschnitt, in Ungarn sogar schwindelerregende 49 Prozent. Die Höhen, das sind schärfere Anforderungen an Umwelt- und Artenschutz, wie sie die jetzt in Kraft getretene neueste Reform der „Gemeinsamen Agrarpolitik“ (GAP) mit sich bringt.

Zum Teil sind EU-Öko-Vorschriften wegen der besonderen Lage durch den Vernichtungsfeldzug des russischen Präsidenten Wladimir Putin und dessen Folgen für die Agrarproduktion bereits zeitweilig außer Kraft gesetzt. Nun legt Wojciechowski nach: „Wir können nicht von den Landwirten verlangen, mehr für weniger zu geben.“ Sie machten sich keinesfalls die Taschen voll, sondern gäben nur höhere Erzeugerpreise an die Konsumenten weiter.

390 Milliarden Euro bis 2027 im Agrar-Fördertopf

Keiner habe die Belastungen durch den Krieg in der Ukraine voraussagen können, als „der aktuelle Haushalt unter großen Schmerzen das Licht der Welt erblickt hat“, betont Wojciechowski. Deshalb möchte der Kommissar „die Grundlagen schaffen für eine Stärkung der GAP und für eine Aufstockung des Haushalts der GAP“, wie er vor dem Europäischen Parlament ankündigte.

Verständnis dafür zeigt der Vorsitzende des Agrarausschusses des Parlaments, der CDU-Abgeordnete Norbert Lins, im FOCUS-online-Interview: „Ich glaube, dass es richtig ist, dass Kommissar Wojciechowski jetzt die Debatte um höhere Unterstützung für unsere Bauern aus dem EU-Haushalt eröffnet hat. Im Europäischen Rat wird darüber kein Jubel ausbrechen, aber es gibt auch klare Forderungen der Agrarminister, die man adressieren muss.“ Lins weist darauf hin, dass Inflationseffekte 85 Milliarden Euro von den 390 Milliarden auffressen würden, die im EU-Haushalt 2021 bis 2027 für die Landwirtschaft vorgesehen seien. „Darauf muss man reagieren.“

Deutsche Bauern mit ganz unterschiedlicher Ertragslage

In der EU sind Landwirte in unterschiedlichem Ausmaß von EU-Subventionen abhängig, die Spannbreite reicht laut Lins von 20 bis 70 Prozent des Einkommens. Auch innerhalb Deutschlands sei die Situation der Bauern sehr verschieden: „Mit Milch und Ackerbau sind derzeit höhere Preise zu erzielen. Die deutschen Obstbauern haben aber nur höhere Kosten, keine gestiegenen Erlöse. Und die Lage in der Schweinezucht ist besonders dramatisch.“

Der Agrar-Experte der Grünen im Europaparlament, Martin Häusling, ergänzt: „Große Ackerbaubetriebe im Osten Deutschlands verdienen jetzt richtig gut, denn die Getreidepreise sind um 70 Prozent gestiegen.“ Relativ stabil halten sich nach dem Eindruck des grünen Fachmanns Bio-Bauern. Zwar schrumpften jetzt kräftige Gewinne zusammen, die die Corona-Krise ihnen beschert habe. „Jedoch hat die biologische Landwirtschaft auch Kostenvorteile. So ist sie nicht abhängig von Stickstoffdünger, dessen Preise heftig gestiegen sind."

Grüne und linke Kritik: Handel hat bei Preisen zugelangt und draufgelegt

Häusling macht im Gespräch mit FOCUS online über die Preisentwicklung in Deutschland außerdem darauf aufmerksam, „dass auch sehr viel im Handel hängengeblieben ist. Lebensmitteldiscounter haben den Preis von Bio-Milch zum Beispiel um 50 Cent heraufgesetzt, ohne dass dafür ein Grund erkennbar wäre oder die Erzeuger davon etwas hätten. Die allgemeine Erfahrung, dass alles teurer wird, wird ausgenutzt, um richtig zuzulangen und noch mal einen draufzulegen.“

Nach Angaben des Europaabgeordneten und Co-Vorsitzenden der deutschen Linken, Martin Schirdewan, haben im vorigen Jahr 95 Lebensmittel- und Energiekonzerne weltweit ihre Gewinne mehr als verdoppelt. Schirdewan fordert von der Bundesregierung Subventionen für die Verbraucher: null Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel und eine Preisbremse für ausgewählte Produkte in einem „Anti-Inflationskorb“: Nudeln, Obst, Mehl, Brot, Gemüse, Milch, Eier, Butter und Öl.

SPD-Expertin warnt vor Gefälligkeitsreden vor applaudierende Bauern

25 Milliarden Euro netto überwies die Bundesregierung nach inoffiziellen Berechnungen der Deutschen Presseagentur (dpa) im vergangenen Jahr als nationalen Beitrag zum EU-Haushalt nach Brüssel. Dieses Jahr wird das Gesamtbudget rund 186 Milliarden Euro umfassen, von 2021 bis 2027 insgesamt 1,074 Billionen. Die darin vorgesehenen Agrarmittel machen nach Kommissionsangaben derzeit 0,4 Prozent der gesamten europäischen Wirtschaftsleistung aus.

Ob sie immer zielgerichtet eingesetzt werden, bezweifelt die Landwirtschaftsexpertin der SPD im Europäischen Parlament, Maria Noichl. Sie sagte FOCUS online: „Nach immer mehr frischem Geld zu schreien, macht sich prima in Reden vor applaudierenden Landwirten, bringt uns aber nicht weiter. In der EU-Agrarpolitik ist schon sehr viel Geld unterwegs. Es ist aber sehr die Frage, ob es immer an den richtigen Stellen ankommt und auch wirklich die Wirkung entfaltet, die man sich erhofft.“ PDF-Kasten - Zuhause Stromfresser finden - so gelingt´s

Nach der Reform ist vor der Reform

Noichl plädiert für punktgenauere Förderung wirklich Bedürftiger, die sie auch in der neuen GAP nicht hinreichend gewährleistet sieht. Deshalb fordert sie: „Wir müssen jetzt schon an die nächste Reform denken.“ Die nächste EU-Kommission solle dafür nach ihrem Amtsantritt zügig Pläne vorlegen. Wieder mal die große Gießkanne über allen auszugießen, wäre „nicht fair gegenüber unseren Verbrauchern“.

Auch der Grüne Häusling warnt: „Wir dürfen da jetzt nicht den großen Topf aufmachen. Das wäre im Europäischen Rat erstens nicht durchsetzbar und würde zweitens auch andere Branchen ermutigen, wegen zusätzlicher Subventionen vorstellig zu werden.“ Der CDU-Agrarpolitiker Lins glaubt nach eigenen Worten, „dass den Verbrauchern vor allem geholfen ist, indem wir unsere Produktion aufrechterhalten. Denn die Preissteigerungen sind aufgrund von Knappheit auf den Märkten entstanden.“     

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20.01.2023

Tagung "Wieviel trägt Europa zur Welternährung bei?" in Berlin


Veranstaltung im Rahmen der Alternativen Grünen Woche der Heinrich Böll Stiftung

Wie viel trägt Europa zur Welternährung bei?
Wann: Freitag, 20. Januar 2023 von 10.00 - 12.30 Uhr
Wo: Heinrich Böll Stiftung, Schumannstraße 8, 10117 Berlin und im Livestream
Info: Eine Anmeldung ist nicht nötig


Se230120 VA Welternährung bei HBSit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist in der EU eine neue Diskussion um Europas Beitrag zur weltweiten Ernährungssicherheit ausgebrochen. Es wird massiver Druck aufgebaut, Umwelt- und Klimaschutz für die intensive Produktion zurückzustellen.

Fakt ist, dass sich die Ukraine in den letzten 30 Jahren zu einem wichtigen Lieferanten bestimmter Agrarrohstoffe entwickelt hat und damit von großer Bedeutung für die globale Versorgung ist. Versorgungsengpässe und massive Preissteigerungen bei Agrarprodukten sind aber nicht nur eine Folge des Ukrainekriegs, denn die Versorgungslage ist ohnehin angespannt. Aktuell

13.01.2023

Thesenpapier: Wieviel trägt Europa zur Welternährung bei?

230113 pic Thesenpapier Ernährt Europa die Welt MH

Nach der coronabedingten Absage im vergangenen Jahr und dem Versuch einer digitalen Messe im Jahr zuvor findet die Internationale Grüne Woche in diesem Jahr wieder statt.

Das GFFA (Global Forum for Food and Agriculture ) steht in diesem Jahr unter dem Oberthema „Ernährungssysteme transformieren: Eine weltweite Antwort auf multiple Krisen“. Im Mittelpunkt stehen vier zentrale Fragen. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und aktuell den Folgen das russischen Krieges gegen die Ukraine sowie den wachsenden Bedrohung der globalen Ernährungssicherheit soll darüber diskutiert werden, wie krisenfeste klimafreundliche Ernährungssysteme geschaffen werden können.

Zusammen mit der Heinrich Böll Stiftung hatte ich am 20.01.23 zu einer Tagung zu diesem Thema ein: „Wie viel trägt Europa zur Welternährung bei?“ eingeladen.

Lesen Sie dazu auch mein Thesenpapier.

07.12.2022

UN-Biodiversitätskonferenz COP-15 darf nicht scheitern

 - Die Hoffnungen auf einen Weltnaturvertrag zum Schutz der Artenvielfalt sind groß!

Bei der Weltnaturschutzkonferenz (COP-15), die ab heute in Montreal stattfindet, stehen einige große Entscheidungen aus, die für die Zukunft der Artenvielfalt von großer Bedeutung sein werden. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments, kommentiert:

„Wir befinden uns in einer beispielslosen Abwärtsspirale - den Verlust der Arten müssen wir unbedingt stoppen!  Ein Richtungswechsel hin zum Schutz der Artenvielfalt ist überfällig. Dafür braucht es eine Einigung zu einem gemeinsamen Weltnaturvertrag aber auch einen gesamtgesellschaftlichen Wandel.

Um die Biodiversität zu erhalten und zu regenerieren, müssen die Art und Weise der Lebensmittelproduktion, des Konsums und der Handelspolitik geändert werden. Die Landwirtschaft spielt eine Schlüsselrolle bei der Erhaltung der Artenvielfalt. Es ist essentiell, dass politisch die richtigen Anreize gesetzt werden. Jedes Jahr fließen jährlich rund540 Milliarden US-Dollar aus den Industrieländern an öffentlichen Subventionen in die Landwirtschaft. Mit diesem Geld kann die Natur erhalten und geschützt, aber auch zerstört werden. Hier müssen die Schwerpunkte richtig gesetzt werden Wir brauchen mehr Lebensräume für Tiere und Pflanzen durch mehr Ökolandbau und größere Flächen für Natur wie zum Beispiel durch Streuobstwiesen. Außerdem müssen wir den Eintrag von Pestiziden und chemisch- synthetischem Stickstoff in die Böden verringern und stattdessen mehr stickstofffixierende Leguminosen in die Fruchtfolgen integrieren – wir haben genügend Stickstoff in der Luft. Die Herausforderungen in Bezug auf den Artenschutz sind enorm. Und die Hoffnungen und Erwartungen in Bezug auf die COP 15 ebenso. Jetzt geht es darum, dass die Verhandlerinnen und Verhandler in Montreal konstruktiv zusammenarbeiten. Wir brauchen einen Weltnaturvertrag zum Schutz der Artenvielfalt – und dessen Umsetzung - dringend!“

Hintergrund:
Laut dem Weltbiodiversitätsrat (IPBES, XVI) sind weltweit circa 1 Millionen Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Die Hauptursachen für das Artensterben und die Zerstörung der Lebensräume sind aber schon lange klar: Monokulturen, fehlende Brachflächen, der Einsatz von Pestiziden, Verdichtungen der Böden und die Düngemittel der konventionellen Landwirtschaft.

Martin Häusling zu Biodiversität: https://martin-haeusling.eu/suche.html?searchword=Biodiversit%C3%A4t&searchphrase=all

17.10.2022

Rede zur Ernährungssicherheit - Bundesparteitag Okt. 2022

221015 BDK Rede

Rede zur Antrageinbringung am 15.10.2022.

Mein Antragwurde ohne Gegenstimme angenommen.

 

04.10.2022

Brasilien vor der Wahl - Hintergrundinformationen zu einigen der demokratischen und ökologischen Herausforderungen

Logo kleinAm 2. Oktober 2022 fand in Brasilien die erste Runde der Präsidentschaftswahl statt. Die Wahl läuft im Wesentlichen auf eine Entscheidung zwischen dem Rechten Jair Bolsonaro und dem Linken Lula da Silva hinaus.

Es ist zu befürchten, dass der rechte Jair Bolsonaro, käme es zu einer Wiederwahl, die Demokratie endgültig aushebeln könnte. In den letzten Jahren hat er sich immer öfter verächtlich zur Demokratie, außerdem rassistisch und homophob geäußert. Auch die Abholzung im Amazonasgebiet, der „Lunge” der Welt, erreichte in den letzten Jahren unter Bolsonaro Rekordwerte. Bolsonaro will gemeinsam mit Agrar- und Rohstoffindustrie das Gebiet nutzbar machen. Unterstützung erhält er von evangelikalen Konservativen. Die Leidtragenden sind die Natur und die indigene Bevölkerung, die diskriminiert wird und ihren gesetzlich zugesicherten Lebensraum verliert. Bolsonaro hat, wie sein Vorbild Trump in den USA 2020, verkündet, das Wahlergebnis nicht anzuerkennen, sollte es zu einem Sieg Lulas kommen.
Bolsonars Kontrahent, der Linke Lula da Silva, setzte sich während seines Wahlkampfes vor allem gegen Erwerbslosigkeit, Armut und soziale Ungerechtigkeit ein. Außerdem sprach er sich gegen die Abholzung des Regenwaldes aus und erarbeitete einen 26-Punkte-Plan zur Reduzierung von Treibhausgasen und der erneuten Einrichtung von Indigenen- und Naturschutzzonen.

Was in Brasilien passiert, betrifft auch uns. Um die Wahlen in Brasilien ins öffentliche Bewusstsein zu holen, hat Martin Häusling auf seinen Social-Media-Kanälen einen Countdown zur Wahl veröffentlicht: Unter dem Titel „Natur und Demokratie schützen“ hat er jeden Tag ein Thema in den Fokus genommen, an dem deutlich wird, vor welchen ökologischen und sozialen Herausforderungen Brasilien steht und warum ein Kurswechsel überlebenswichtig ist.

07.08.2022

Votum zu Fruchtwechsel und Nichteinsaat: Wir haben eine Verteilungs-, keine Versorgungskrise

Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir blieb bei seiner Entscheidung, ökologisch eigentlich dringend erforderliche Vorgaben zu Fruchtwechsel und Nichteinsaat von vier Prozent der Ackerflächen vorübergehend auszusetzen. Vor dem Hintergrund der EU-Vorgaben hat er letztlich gar keine andere Wahl, meint Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischem Parlament und Mitglied im Umweltausschuss.

„Zur Erinnerung: Die bedauerliche Entscheidung der Bundesregierung kam nicht allein auf Druck von Bauernverband und Agrarindustrie zustande. EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski hat mit dem Rechtsakt vom 27. Juli im Grunde genommen den Rahmen gesetzt. Er gab mit seiner Entscheidung, Fruchtwechsel und Nichteinsaat für ein Jahr auszusetzen, die Leitlinien vor.

Angesichts der Tatsache, dass alle anderen EU-Mitgliedsländer und die Mehrheit der Agrarminister der Bundesländer in Richtung der Aussetzung gehen, bleibt Cem Özdemir eigentlich keine andere Wahl. Klar bleibt nach den Ankündigungen Özdemirs, dass der Verzicht auf die ökologisch wichtigen Instrumente auf ein Jahr begrenzt bleibt und bisherige ökologische Vorrangflächen davon unberührt sind. Das reduziert die Aussetzung der Stilllegung auf zwei Prozent der Ackerflächen.

Tatsächlich werden in dieser Diskussion um den Anbau zusätzlichen Weizens jede Menge Nebelkerzen geworfen. Denn es geht mitnichten darum, dass die Welt mehr Weizen benötigt, um die Hungerkrise zu bekämpfen. Es geht nicht um eine Versorgungs-, sondern allein um eine Verteilungskrise.

Zugleich versucht die Lobby verzweifelt, unter dem Vorwand der Hungerkrise von einer ganz anderen Wahrheit abzulenken: Bei uns wandern immer noch 60 Prozent des Getreides nicht auf dem Teller, sondern in den Futtertrog. Weitere 20 Prozent gehen in Tank und Industrie, und nur 20 Prozent der Körner dienen direkt der menschlichen Ernährung.

Das eigentliche Ziel, einen Beitrag zur Verringerung des Hungers der Welt, kann die Absage an Fruchtwechsel und Nichteinsaat also gar nicht erreichen. Stattdessen werden die seit Jahrzehnten bekannten, besorgniserregenden Defizite im Artenschutz weiter zunehmen. Der Verzicht auf die ökologischen Vorgaben ist zudem auf Dauer noch nicht einmal im Interesse der Landwirtschaft selbst, da sich die schwindende Artenvielfalt in Form von immer weiter steigenden Ausgaben für Pestizide und Dünger rächt. Auch davon lenken Bauernverband und Agrarindustrie gerne ab.“

14.07.2022

Zum Start der parlamentarischen Sommerpause in Brüssel: Immer noch keine Klarheit zu den Regelungen für ökologische Maßnahmen und Fruchtfolge ab 2023

Diese Woche startet in Brüssel die parlamentarische Sommerpause. Bezüglich der Presseverlautbarungen, die Kommission wolle verpflichtende Umweltauflagen der Agrarzahlungen ab 2023 weiter lockern, gibt es weiterhin nicht die dringend notwendige Klarheit. Dazu kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischem Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Es wäre wichtig gewesen, dass vor dem heutigen Start der parlamentarischen Sommerpause Klarheit herrscht bezüglich der Pläne der EU-Kommission für die Auflagen zur verpflichtenden Fruchtfolge (Glöz 7) sowie zur Einrichtung nicht-produktiver Flächen zum Biodiversitätsschutz (Glöz 8). Seit mehreren Wochen geistert die Information durch die Medien, der Agrarkommissar habe beim letzten EU-Agrarrat verlauten lassen, diese für das kommende Jahr aussetzen zu wollen. Grundlage soll eine so genannte Notfallermächtigung sein, die das Europäische Parlament als Ko-Gesetzgeber umgehen würde.

Wir Grüne stellen uns einem weiteren Aufweichen der Regelungen entgegen, denn es wäre nicht zweckdienlich und sogar fachlich kontraproduktiv. Statt ein Aufweichen der wenigen ökologisch sinnvollen und für die langfristige Sicherung der Ernährung wichtigen Aspekte der GAP ab 2023 zu forcieren, erwarte ich von der EU-Kommission mehr Engagement, um ukrainisches Getreide aus dem Land zu bringen und so die Versorgung mit Getreide zu sichern. Auch müssen wir endlich ernsthaft darüber reden, für was wir unsere Getreideernten verwenden wollen. Ich sage deutlich: Wir können nicht weitermachen wie bisher; 60 % des Getreides in den Trog, 20 % in den Tank und nur etwa 20% für die menschliche Ernährung. Das ist kein zukunftsfähiges Agrarmodell und die eigentliche Bedrohung der Ernährungssicherheit der Welt.

Die Chance, vor der Sommerpause mit konkreten Vorschlägen für die angekündigten Änderungen an der GAP an den Agrarausschuss heranzutreten, wurde nun vertan. Genauer wurde das Europäische Parlament noch überhaupt nicht bezüglich dieses Vorhabens kontaktiert. Wir mussten durch die Presse oder Vertreter der Mitgliedstaaten von den Plänen der EU-Kommission erfahren.

Vor zwei Wochen habe ich daher, gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen der Grünen Fraktion im Agrarausschuss sowie von S&D, RENEW und der Linken, die EU-Kommission aufgefordert, die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Stabilisierung der Agrarsysteme durch die Förderung der Biodiversität ernst zu nehmen und den Willen des Ko-Gesetzgebers zu respektieren. Ein einseitiges Aufknüpfen politischer Einigungen zur Agrarpolitik wäre ein fatales Zeichen. Politische Einigungen sind dann das Papier nicht mehr wert, auf dem sie geschrieben stehen.“

Weitere Informationen:

Den offenen Brief an die EU-Kommission finden Sie hier.

PM vom 1.7.22: Umweltauflagen sind kein Spielball, sie dienen der Ernährungssicherung!

07.07.2022

Hitzewelle und Dürre in der EU:Klimaanpassung der Landwirtschaft dringendste Aufgabe!

Zu dem heute im Europaparlament vorgestellten Bericht der Kommission zur jüngsten Hitzewelle und Dürre in der EU, erklärt Martin Häusling, agrarpolitscher Sprecher der Grünen im Europäischem Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Die Klimakrise findet nicht in der Zukunft statt, sie ist Gegenwart. Die Landwirtschaft muss, widerstandsfähiger werden: gegen Dürre, aber auch gegen Starkregen. Wird dies ignoriert, könnte dies katastrophale Auswirkungen auf die Nahrungsmittelproduktion haben.

Anfang Juni erreichte Europa Temperaturrekorde am Fließband. Am Samstag, dem 18. Juni, wurden allein in Frankreich 203 Hitzerekorde für diesen Monat gebrochen oder überboten und 18 Rekorde für die heißeste Temperatur zu irgendeiner Jahreszeit aufgestellt. Diese beispiellose Hitze folgt auf einen der trockensten Winter aller Zeiten. Die daraus resultierende Dürre sollten wir als Alarmsignal sehen. Auch jenseits des Atlantischen Ozeans stehen die südwestlichen Bundesstaaten der USA vor der schlimmsten Dürre seit 1.200 Jahren. Wissenschaftler sind sich weltweit einig, dass der vom Menschen verursachte Klimawandel Gegenwart ist.

In Ostafrika hat es seit vier Jahren kaum noch geregnet und es erwartet uns dort eine humanitäre Katastrophe. Millionen von Menschen sind von Wasserknappheit bedroht. Die Lebensmittelpreise sind zusätzlich aufgrund schlechter Ernten und der Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Getreideexporte rapide angestiegen. Mehr als 18 Millionen Menschen in Äthiopien, Kenia und Somalia leben in akuter Ernährungsunsicherheit und wissen nicht, wann sie etwas zu essen haben werden.
Die Situation in Europa ist nicht so drastisch wie in den USA und schon gar nicht vergleichbar mit der Tragödie, die sich in Ostafrika abspielt. Dennoch ist der Trend derselbe, wir müssen dringend unsere Nahrungsmittelproduktion resilienter machen!

Die Agrarindustrie versucht seit langem die Farm-to-Fork-Strategie der EU-Kommission zu kippen, und ist sich auch nicht zu schade, den Ukrainekrieg dafür in rhetorische Geiselhaft zu nehmen. Doch zur Farm-to-Fork-Strategie, dem landwirtschaftlichen Teil des „Green Deals“, gibt es aus meiner Sicht derzeit keine Alternative. Klimaanpassung und Artenschutz verlangen durchgreifende Veränderungen. Mehr ökologisch angepasste Anbauweisen, mehr Vielfalt, weniger Pestizide, weniger synthetischer Dünger, daran führt kein Weg vorbei.

Das internationale Expertengremium für nachhaltige Ernährungssysteme (IPES Food) hat im März 2021 den Hauptaussagen des Weltagrarberichtes von 2009 noch einmal Nachdruck verliehen. Aussage: Es ist klar, dass eine agrarindustriell geprägte Zukunft nicht in der Lage sein wird, den Planeten und seine Nahrungsmittelsysteme wieder in einen überlebensfähigen Zustand zu bringen. Im Gegensatz dazu könnte eine Änderung des Systems, die auf Ernährungssouveränität und Agrarökologie setzt, 75 Prozent der Treibhausgasemissionen der Nahrungsmittelsysteme reduzieren und in den nächsten 25 Jahren unschätzbare Vorteile für das Leben und die Lebensgrundlagen von Milliarden von Menschen mit sich bringen. Darauf sollten wir hören!“

Weitere Informationen:
Bericht IPES Food: http://www.ipes-food.org/pages/LongFoodMovement

 

 

 

15.06.2022

Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen

Onlinevorstellung der politischen Studie im Auftrag von Martin Häusling, MdEP & Sarah Wiener, MdEP

Am Mittwoch, 15. Juni von 16.00 - 17.30 Uhr

Anmeldungen hier.

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine ist für die Menschen in der Ukraine eine humanitäre Katastrophe. Neben zahlreichen menschlichen Opfern wurden auch Industrie, Land-wirtschaft sowie die Infrastruktur in erheblichem Umfang zerstört. Der Krieg wirkt sich auch auf die internationalen Agrarmärkte und die globale Versorgungssicherheit aus. Die Ukraine hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem wichtigen Lieferanten für bestimmte Agrar-rohstoffe entwickelt und ist damit von großer Bedeutung für die globale Versorgung. Gepaart mit der ohnehin angespannten Versorgungslage auf-grund der fortschreitenden Klima-krise und der COVID-19-Pandemie, sieht sich die Weltwirtschaft nun Versorgungsengpässen und massiven Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen gegenüber.

Aktuell leiden weltweit 873 Millionen Menschen an Hunger. Die Ukraine ist für Länder, die sich in einer akuten Ernährungskrise befinden, ein wichtiger Lieferant von Weizen und Mais. Im Jahr 2020 haben 38 dieser Ländern 34 % dieser Getreide aus der Ukraine bezogen. Prof. Dr. Sebastian Lakner, Professor für Agrarökonomie an der Universität Rostock, hat gemeinsam mit Dr. Wilhelm Klümper und Kristina Mensah in einer Studie im Auftrag von Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher (Grüne/EFA) im Europäischen Parlament und Sarah Wiener, Europaabgeordnete und Schattenberichterstatterin für die Strategie „Vom Hof auf den Tisch“, genauer hingeschaut. Diese Studie möchten wir Ihnen am 15.06.2022 in einer Online-Veranstaltung vorstellen und anschließend mit Ihnen und weiteren Expert*innen darüber diskutieren:

Was sind die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die globale Lebensmittelversorgung und welche agrarpolitischen Handlungsoptionen ergeben sich nun?

Programm:

29.03.2022

Ukraine-Krieg und Weizen-Anbau: CDU/CSU operiert vorsätzlich mit irreführenden Zahlen


Konservative Politiker*innen behaupten, mit der Aufhebung ökologischer Vorrangflächen könnte jede Menge Fläche für die Aussaat von Weizen bereitgestellt werden. „Das ist eine falsche, irreführende Behauptung“, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss, Äußerungen, die deutsche und europäische CDU/CSU-Politiker*innen verbreiten:

„Wer mit solchen völlig aus der Luft gegriffenen Zahlen operiert, streut bewusst Sand in die Augen derjenigen, die das Nahrungsmittelproblem in der aktuellen Situation lösen wollen. Es sind falsche Zahlen und irreführende Behauptungen, die suggerieren sollen, dass Deutschland und die EU die Welt in diesen schwierigen Kriegs-Zeiten ernähren könnten, gebe es die ach so unsinnigen ökologischen Beschränkungen nicht.
Man muss noch nicht einmal den ökologischen Sinn, den Beschränkungen im Anbau erforderlich machen, begreifen, um die Behauptungen konservativer Politiker*innen als Luftnummer zu entlarven. Die Rechnung der CDU/CSU-Politiker*innen, wonach es in der EU vier Millionen Hektar stillgelegte Äcker gebe, auf denen zehn Millionen Tonnen Getreide angebaut werden könnten, stimmt hinten und vorne nicht. Diese Flächen, auf denen Getreide in dieser Größenordnung angebaut werden könnten, gibt es in dieser Größenordnung gar nicht.
Denn von der Auflage „nicht produktive Flächen“ bereitzustellen, wie sie von 2023 angreift, sind reihenweise Betriebe ausgenommen, etwa kleine Höfe oder Grünlandbetriebe. Zudem unterschlagen die Konservativen, dass es sich bei den betroffenen Brachflächen überwiegend um Grenzertragsböden handelt, die nicht für eine intensive Produktion geeignet sind. Auf solchen landwirtschaftlich unergiebigen Flächen kann man Getreide mit einem nennenswerten Ertrag nicht produzieren.
Ebenfalls Teil dieser Flächen sind Landschaftselemente wie z.B. Hecken. Wer dafür plädiert, dass auch noch die letzten Refugien zum Schutz der Artenvielfalt in Produktion genommen werden, bis dann auch wirklich der letzte Vogel verschwunden ist, hat das Funktionieren von Ökosystemen nicht verstanden.
Den Irrsinn dieser Rechnung macht auch bereits ein kleines Beispiel klar: 14 Prozent der in der EU für die Artenvielfalt aus der Produktion genommenen Flächen befinden sich im Dürre geplagten Spanien. Das sind Halbwüsten, aber keine Äcker.
Mit all diesem Unfug gehen diese Konservativen durch die Lande.
Solange die Konservativen nicht bereit sind darüber zu sprechen, wohin die Masse des EU-Getreides hingeht, nämlich in Trog oder Tank, sind sie in der Debatte nicht ernst zu nehmen.
Ich fordere sie daher auf: Beenden sie diese schamlose Kampagne, die sie vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges betreiben.“

 

Factsheet Martin Häusling und Renate Künast zu Ukraine-Krieg & Versorgungssituation

Berechnung BÖLL Stiftung zur Bewirtschaftung ökologische Vorrangflächen

Statement von 300 Wissenschaftler*innen fordert eine Transformation des Ernährungssystems: Weniger Fleisch und Lebensmittelverschwendung, dafür mehr Leguminosen und eine grünere Agrarpolitik.

23.03.2022

Vorschläge der EU-Kommission zur Ernährungssicherheit: Mehr Lobby-getrieben als von Vernunft getragen!

Zur Mitteilung der EU-Kommission zur Ernährungssicherheit und zur Stabilisierung der Lebensmittelkette im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Zur Freigabe der ökologischen Vorrangflächen für die generelle uneingeschränkte Produktion kann ich nur sagen: Das ist Schaufensterpolitik und hilft mengenmäßig nicht weiter: Würden alle aktuell in der EU brachliegenden Flächen in die Produktion von beispielsweise Getreide einbezogen, läge die Getreideproduktion nur um bis zu 4,4 % höher. Gemessen an der weltweiten Produktion wären das nur bis zu 0,4 %.

Auch dies wäre nur der Fall, wenn die Qualität des Bodens und die naturräumlichen Bedingungen keine Rolle spielten. Da die meisten dieser Flächen jedoch für eine intensive Produktion gar nicht geeignet sind, dürften die Werte noch niedriger liegen. Dafür im Angesicht des Artensterbens die letzten Rückzugsflächen wieder einer intensiven Düngung und chemischen Behandlung auszusetzen, zeugt von enormer Kurzsichtigkeit und einem Unverständnis für das Funktionieren von Ökosystemen.

Außerdem ist die EU bereits zu 112 % Selbstversorger bei Getreide und exportiert mehr als das Doppelte der Getreideeinfuhren.

Andererseits wird wiederum nicht in Erwägung gezogen, was viele Wissenschaftler dringend empfehlen, nämlich EU-weit den Beimischungsanteil von Biokraftstoffen herunter zu setzen, um Flächen für die Produktion von Nahrungsmitteln frei zu bekommen.

Mindestens genauso unfassbar finde ich auch das Vorhaben der Kommission, Hilfsgelder im Rahmen von 500 Millionen Euro u.a. auch in die extrem energiefressende und klimaschädliche Produktion von Mineraldünger zu stecken, während sie gleichzeitig der Meinung ist, eine „Eiweißpflanzenstrategie“ sei nicht nötig, die Mitgliedstaaten hätten genügend Spielraum für eine Förderung. Dabei würde ein verstärkter Leguminosenanbau die Abhängigkeit vom klimaschädlichen Mineraldünger deutlich verringern.

Fazit: Insgesamt ein mehr als schwaches Paket, mehr lobbygetrieben als von Vernunft getragen!“

 

Mitteilung der EU-Kommission „Safeguarding food security and reinforcing the resilience of food systems.”

Factsheet Martin Häusling und Renate Künast zu Ukraine-Krieg & Versorgungssituation

Berechnung BÖLL Stiftung zur Bewirtschaftung ökologische Vorrangflächen

Statement von 300 Wissenschaftler*innen fordert eine Transformation des Ernährungssystems: Weniger Fleisch und Lebensmittelverschwendung, dafür mehr Leguminosen und eine grünere Agrarpolitik.

23.03.2022

Factsheet on war in Ukraine & supply situation

Here you can find a factsheet by Renate Künast and myself on the war in Ukraine, the supply situation on the agricultural markets and the discussion about what to do now.

The war Putin is waging against Ukraine is a humanitarian and international legal disaster. It is existential that and how the European Union acts here together with its allies. The acts of war are costing more and more lives and forcing women and children to flee. In addition, there are serious consequences for the agricultural sector.

We hereby take a stand on the current discussion about an allegedly necessary rollback towards further intensification of agriculture. We consider this to be a serious mistake, as it would mean fuelling the climate and species crisis. The overexploitation and pollution of our natural resources - air, water, soil - and the loss of biodiversity are already leading directly and indirectly to yield losses, with all the known consequences.

However, we must now help acutely and at the same time think about the food security of tomorrow.

Quote Martin Häusling:

"The current attempts to use the war in Ukraine to question the objectives of the Farm-to-Fork and Biodiversity Strategies with the rhetorical catchword of "food security", I consider to be completely short-sighted and not in line with scientific recommendations. The climate and biodiversity crises are not taking a break, even in the current situation. The statement of 300 scientists, among others from the PIK Potsdam Institute for Climate Impact Research, clearly calls for a transformation of the food system: less meat and food waste, more legumes and a greener agricultural policy.

23.03.2022

Krieg in der Ukraine und Diskussion um Green Deal: Rückkehr zur Turboproduktion sägt an dem Ast auf dem wir sitzen!

Zum Ukrainekrieg und der Diskussion über ein Zurückdrehen der Ökologisierungs-Initiativen der EU-Kommission für die „Ernährungssouveränität“, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine hat innerhalb und außerhalb der Europäischen Union eine Debatte über Ernährungssicherheit ausgelöst, Forderungen nach Aufschub und Verwässern der „Farm to Fork-” und Biodiversitätsstrategie werden wieder lauter.
Die in den letzten Wochen verlauteten Forderungen nach einer Überprüfung der "Farm to Fork"-Strategie und ggf. Anpassung, gehen sämtlich von Anhängern und Profiteuren des agrarindustriellen Modells oder deren Interessenvertretern aus (IVA, Copa/Cogeca, Grain Club, Futtermittelindustrie, Fleischindustrie). Auch Konservative (EVP) und Liberale (Renew) versuchen, mit der Mehrheit der Sozialisten (S&D) und extremen Rechten im Europaparlament den Rollback mittels einer rückwärtsgewandten Resolution durchzudrücken. Wenn wir dem folgen, werden wir weder die Klima- noch die Biodiversitätsziele auch nur annähernd einhalten.
Es wäre nicht nur ein historischer Fehler, wenn die EU ihre Nachhaltigkeitsvorhaben nun verlangsamen oder sogar ganz begraben würde, es wäre auch ein weiterer Fall sturer Wissenschaftsleugnung, ähnlich wie beim Klimawandel. Unzählige wissenschaftliche Studien, Sachverständigen-Gutachten und Äußerungen europäischer Institutionen, wie beispielsweise des Europäischen Rechnungshofes belegen, dass nachhaltige, langfristige Ernährungssouveränität und -sicherheit nur mit einer Ökologisierung des Agrarmodells möglich ist.
Drei renommierte Agrarforscher vom UFZ - Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, der Universität Rostock und der Universität Wageningen haben einen offenen Brief an die EU-Kommission geschrieben, in dem sie auf den Zusammenhang zwischen dem Ukrainekrieg und der Biodiversitäts- und Klimakrise eingehen und wenige Tage später veröffentlichten weitere 300 Wissenschaftler*innen, u.a. vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, ein Statement für eine ökologische Transformation des Ernährungssystems. Auch sie forderten eine Verringerung der Fleischproduktion und ein Umsteuern in der Agrokraftstofferzeugung: Weniger Produktion für Tank und Trog, mehr für die Teller.
Nicht zuletzt im Abschlussstatement der Sondersitzung der G7 wurde u.a. vereinbart, ‚in dieser Krise die Klima- und Umweltverpflichtungen und die Ziele der nachhaltigen Entwicklung weiter zu verfolgen‘.“

Hinweis:
Begriff ‚Ernährungssouveränität‘ bedeutet nicht, auf Teufel komm raus zu produzieren. Der Begriff geht auf das als Menschenrecht völkerrechtlich im UN-Sozialpakt verankerte „Recht auf Nahrung“ zurück, das 2004 von allen FAO-Mitgliedern unterzeichnet wurde. Es beinhaltet das Recht auf Nahrung sowie die selbstbestimmte Wahl eines nachhaltigen Ernährungssystems und den Schutz vor ökologischen, wirtschaftlichen oder sozialen Formen des Dumpings.

Factsheet Martin Häusling und Renate Künast zu Ukraine-Krieg & Versorgungssituation

Brief Pe’er et al.: „Ukraine-Crisis impacts on food security: tackling the short-term shock must be done with a vision in mind of the larger-scale and longer-term threats of the Climate- and Biodiversity-Crises.”

Statement von über 300 Wissenschaftler*innen: „Wir brauchen eine Ernährungswende – angesichts des Kriegs in der Ukraine jetzt mehr denn je.“

Abschlussstatement der Sondersitzung der G7.

16.03.2022

Weizen-Exportstopp: Russland setzt Brotweizen als Waffe ein und ist auf dem Weg, den Weltmarkt zu beherrschen

Mit dem von Russland angekündigten teilweisen Exportstopp für Weizen setzt Putin das Getreide als Waffe ein und bedroht die Ernährungslage vor allem armer Länder des Südens. Russland stellt die Welt vor eine neue, bislang völlig unbekannte Herausforderung. „Beschämend“, so Martin Häusling, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, wirken angesichts der existenzbedrohenden Not von Millionen Menschen Äußerungen aus der deutschen Fleischindustrie vom Montag, man möge sich hierzulande bereits jetzt mit Grillwürstchen für die Sommersaison eindecken.

„Ich stimme UN-Generalsekretär António Guterres voll und ganz zu, wenn er vor den weltweiten Folgen des Kriegs in Osteuropa warnt und sagt: Die Kornkammer des Planeten werde bombardiert, es drohe ein ‚Wirbelsturm des Hungers‘.
Der Exportstopp, der bis in den Sommer dauern soll, ist ein weiteres fatales Signal für die Welternährung. Vor allem für Länder wie Burkina Faso, Ägypten, Eritrea, Somalia, Benin, Kongo, Liberia, Jemen und Algerien, aber auch Saudi-Arabien und die Türkei sowie asiatische Staaten wie Pakistan, die von russischen Lieferungen abhängig sind, wird die Ankündigung der russischen Agrarbehörde katastrophale Folgen haben. Russland wählt seine Absatzmärkte für Weizen nach Gutdünken. Länder mit willfährigen Regierungen bekommen die Brosamen, die anderen gehen völlig leer aus. Grad so wie es Putin passt.
Damit wird offenbar, dass Russland auch einen Krieg um die Handlungshoheit auf den Getreidemärkten führt. Es ist ein Krieg um Ressourcen. Russland wird zusammen mit den aus der Ukraine theoretisch denkbar erzeugbaren Mengen an Weizen, Mais oder Ölsaaten zu einem maßgeblichen Bestimmer am Weltgetreidemarkt. Die Ernährung der Menschen der Welt wird damit in Zukunft völlig unberechenbar, weil von einem Despoten dirigiert.
Der wie auch immer gemanagte Exportstopp wird den Tsunami des Hungers verstärken, wie er sich bereits seit Tagen abzeichnet, da die Ukraine als eines der großen Weizen-Exportländer der Welt ausfällt, Russland aber ein theoretisch großer Player bleibt. Die Schwarzerde-Äcker der Kornkammer Ukraine, die noch nicht bestellt sind, aber können nicht eingesät werden, da es an Menschen und Material fehlt. Zwar besteht die Masse der ukrainischen Lieferungen aus Winterweizen, doch der wird kaum gedüngt oder geerntet werden können. Wir rasen in eine Katastrophe, wenn Russland diese erpresserische Drohung umsetzt, denn der Ausfall von rund sechs Millionen Tonnen Weizen kann nicht ersetzt werden.
Wie - vor dem Hintergrund des Ausfalls der Lieferungen aus der Ukraine und jetzt auch der aus Russland - Äußerungen eines Tönnies-Managers zustande kommen, man möge sich angesichts zu erwartender Preissteigerungen bereits jetzt mit Grillwürstchen für die Sommersaison eindecken, verstehe wer will. Das sind zynische, geschmacklose Bemerkungen, die aus dem Denken einer Luxuswelt stammen. Was sind schon ein paar Bratwürste, wenn es in anderen Teilen der Welt ums nackte Überleben geht?“

 

 

10.03.2022

Folgen des Ukraine-Kriegs für die Ernährung; Getreide auf den Teller – statt in Tank und Trog

Steigende Preise für Lebensmittel, aber auch für Dünger, ausfallende Getreidelieferungen aus Russland und der Ukraine: Diese Folgen des Ukraine-Kriegs treffen die Menschheit in einer Zeit, in der Hunger seit Jahren wieder zunimmt und Dürren etwa in Ostafrika oder Spanien die Lage zusätzlich verschärfen. Gibt es schnelle Lösungen?

Eine von Martin Häusling, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, moderierte Expertenrunde war sich am Mittwoch einig: Vor allem ein Umlenken der bisherigen Produktion von Agro-Sprit in die Erzeugung von Lebensmitteln könnte eine rasch wirksame Stellschraube zur Entschärfung der Krise sein. Andere Veränderungen wie eine Reduzierung der Fütterung von Getreide an Schweine, Rinder und Hühner wirkten eher langfristig, seien aber vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung und der Bekämpfung des Klimawandels unabdingbar. Häusling plädierte zugleich für eine deutliche finanzielle Unterstützung des World Food Programms der UN.

Martin Häusling verlangte ein Ende der Diskussion um eine Aufweichung des Green Deals sowie der Farm-to-Fork-Strategie. Die von Bauernfunktionären geforderte Intensivierung gehe nicht nur zulasten von Natur, Umwelt und Gesundheit. Sie führe schon deshalb in die Irre, weil die konventionellen Landwirtschaftsmethoden riesige, inzwischen kaum noch bezahlbare Energiemengen verschlingen würden. Es gelte vielmehr, die Abhängigkeit Europas von Stickstoffdünger aus Russland und Weißrussland zu beenden. Stattdessen müsse endlich in der EU ein Eiweiß-Plan etabliert werden: Leguminosen zur Stickstoffversorgung sollten selbstverständlicher Teil der Fruchtfolge sein.

Dr. Christine Chemnitz, Agrarexpertin der Böll-Stiftung in Berlin, zeigte sich überrascht, wie schnell in der Debatte um fehlendes Getreide am Weltmarkt ein Umsteuern in der Landwirtschaft auf die Erfordernisse des Klimawandels als „Luxusdebatte“ bezeichnet wurde. Dies unterschlage, dass der Umbau der Landwirtschaft auch mit und nach dem Krieg zwingend nötig sei, denn „die Klimakrise bleibt bestehen“. Der Hunger der Welt könne auch nicht dadurch bekämpft werden, wenn in der Europäischen Union im Zuge der Agrarreform verankerte Flächenstilllegung von Agrarflächen um zwei Prozent weniger ausfalle. Diese Diskussion führe in die falsche Richtung. Der Hunger von zehn Prozent der Menschen sei ein strukturelles Problem: Armut, kein Zugang zu Land, fehlende Beratung, keine resilienten Ernährungssysteme, das seien die Gründe, nicht aber, ob in Europa Flächen wegen des erforderlichen Biodiversitätsschutzes brach lägen.

Dr. Ophelia Nick, parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschafts-ministerium, wehrte sich gegen die Unterstellung, dass man aufgrund der aktuellen Lage Tierbestände rasch reduzieren wolle, um mehr Getreide für die direkte menschliche Ernährung zu erhalten. Richtig sei, dass man Tiere in der Kreislaufwirtschaft brauche. Klar allerdings sei auch, dass die Menge reduziert werden müsse. Gemeinsam mit den Bauern müssten Wege gesucht werden, um die Erzeugung flächengebundener zu gestalten.

Akut wirksam, so etwa Professor Sebastian Lakner von der Uni Rostock, könne es hingegen sein, die Biokraftstofferzeugung umzulenken. Das könne durchschlagenden Erfolg haben, zumal es um beträchtliche Größenordnungen gehe. Neun Prozent der weltweiten Pflanzenerzeugung wanderten in die Produktion von Agrosprit und Biogas. „Das ist eine Stellschraube“, sagte Lakner. Die Umsteuerung im Tiersektor hingegen benötige Jahre, um spürbar zu werden.

Hannes Lorenzen von der europäischen Plattform ARC 2020 (die Organisation mit fast 160 Mitgliedsverbänden streitet für eine agrar-ökologischen Umgestaltung der EU-Agrarpolitik) sieht ebenfalls in der Korrektur der verfehlten Agrar-Energiepolitik der vergangenen Jahrzehnte einen Schlüssel. Sein Beispiel: die USA. Dort wandern zwar „nur“ 42 Prozent des Getreides in den Futtertrog (Deutschland: knapp 70 Prozent), dafür aber werden aus 48 Prozent der Cerealien Treibstoffe hergestellt. „Das muss man in Frage stellen“, sagte Lorenzen und sieht in diesen ungeheuren Mengen ein bedeutsames Potenzial zur Gegensteuerung.

Auf dieses Potenzial (in Deutschland werden fast 18 Prozent der Ackerfürchte zu Energie) setzt auch Europaabgeordneter Martin Häusling, der zudem auf jene 57 Prozent des Getreides verwies, die hierzulande verfüttert werden. „Das muss sich ändern“ und müsse genauso beendet werden wie die nach wie vor bestehende Lebensmittelverschwendung.  Über alle Stufen der Erzeugung „werfen wir 30 Prozent weg“. Das müsse so schnell wie möglich gestoppt werden. 

YouTube-Link zur Aufzeichnung der Online-Veranstaltung vom 09.03.22

03.03.2022

Ukraine war: The use of our agricultural resources must be questioned!

Commenting on the Ukraine war and its impact on agricultural markets, Martin Häusling, spokesperson on agricultural policy of the Green/EFA group in the European Parliament and member of the Environment Committee, comments:

„"The Ukraine war shows how dependent many countries are on agricultural commodities from Russia and Ukraine - especially on grain. This dependency also affects Europe. It is obvious that Europe must immediately become independent from Russian agricultural supplies. Furthermore, Europe has to take responsibility towards other regions in the world such as East Africa and the Middle East. Regions, which are much more dependent on Russia and Ukraine as we are. Egypt for instance receives 80% of its wheat supplies from these two countries. It is without a doubt that the war in Ukraine and the resulting food crises will affect the political stability in those regions. The European Union should therefore grant access to its own reserves. We need to stand together in solidarity against Russia and this should be "the order of the day”.
However, it is also urgent that we challenge the use of where our agricultural commodities like grain are predominantly used in the food chain. It is not acceptable that intensive meat production continues to devour a large part of the grain harvest; this has always been neither economically nor ecologically sustainable and has to be challenged.
If Agriculture Commissioner Wojciechowski is willing to adopt the agricultural lobby's argumentation and questions the important agricultural transformation of the EU's farm-to-fork strategy within the framework of the Green Deal due to the war against Ukraine, I can only consider this logic as completely absurd. The first priority must be now to question our inefficient use of resources. This concerns the use of fertiliser as well as the use of vulnerable recourses as animal feed.
The fundamental ground for food security are fertile soil, biodiversity and healthy ecosystems. If representatives of the agricultural industry now claim that we can no longer afford such “frippery”, this argumentation is simply irresponsible - especially in matters of food security."

 

02.03.2022

Krieg in der Ukraine: Der Einsatz unserer Agrarressourcen gehört hinterfragt!

Zum Ukrainekrieg und der Auswirkung auf die Agrarmärkte, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Der Krieg in der Ukraine zeigt uns, wie abhängig viele Länder von den Agrar-Lieferungen aus Russland und der Ukraine sind - besonders beim Getreide, das gilt auch für Europa. Europa muss sich umgehend von russischen Agrar-Lieferungen unabhängiger machen.
Aber wir müssen auch unserer Verantwortung gegenüber Regionen wie Ostafrika und dem Nahen Osten gerecht werden, die in deutlich höherer Abhängigkeit von Russland und der Ukraine stehen. Ägypten allein bezieht 80% seiner Weizenlieferungen aus diesen beiden Ländern. Lebensmittelkrisen in diesen Regionen wirken sich direkt auf die politische Stabilität aus. Wir müssen daher Teile unserer eigenen Reserven zur Verfügung stellen. Ein solidarisches Zusammenstehen gegen Russland ist das Gebot der Stunde.
Wir müssen aber auch zwingend darüber nachdenken, wo Getreidereserven in der Lebensmittelkette überwiegend zum Einsatz kommen. Es kann nicht sein, dass die intensive Fleischproduktion nach wie vor einen Großteil der Getreideernten verschlingt. Das war schon immer weder ökonomisch noch ökologisch nachhaltig und gehört spätestens jetzt konkret auf den Prüfstand.
Zu den aktuellen Versuchen, den Krieg in der Ukraine zu nutzen, um mit dem rhetorischen Schlagwort der „Ernährungssicherheit“ die Ziele der wichtigen landwirtschaftlichen Transformation der Farm-to-Fork Strategie der EU im Rahmen des Green Deal in Frage zu stellen, kann ich nur sagen, dass ich sie für infam halte. An allererster Stelle muss nun stehen, unsere Art, ineffizient mit Ressourcen umzugehen zu hinterfragen. Das gilt für Düngemittel genauso wie für Futtermittel.
Die Basis für Ernährungssicherheit sind fruchtbaren Böden, Biodiversität und funktionierende Ökosysteme. Wenn jetzt Vertreter der Agrarindustrie behaupten, solcherlei Firlefanz könnten wir uns jetzt nicht mehr leisten, ist das ganz einfach verantwortungslos – gerade in Fragen der Ernährungssicherheit.“

 

 

14.04.2021

WWF-Bericht zur weltweiten Waldrodung: Europäer leben auf Kosten der Regenwälder

Anlässlich des heute vom WWF vorgestellten Berichtes zur weltweiten Waldrodung, erklärt Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Europäer leben von Flächen außerhalb Europas und diese gehen deutlich auf Kosten der Regenwälder.  Laut einem heute vom WWF vorgestellten Bericht waren die mit Abstand größten Verursacher von Abholzung durch EU-Importe Soja und Palmöl, für deren Anbau oder Produktion vor allem Wälder in Südamerika, beziehungsweise Südostasien weichen mussten. Dahinter folgten Rindfleisch, Holzprodukte, Kakao und Kaffee. Durch die importierte Entwaldung hat die EU 2017 indirekt 116 Millionen Tonnen CO2-Emissionen verursacht, so der Bericht. Diese indirekten Emissionen werden in vielen Statistiken zu Treibhausgas-Emissionen nicht erfasst, sie gehören aber zur ehrlichen Bilanz unseres Konsums dazu.

Das Problem ist bekannt: Nach einer Studie, die 2020 in dem wissenschaftlichen Magazin Science veröffentlicht wurde, wurde allein für rund 20 Prozent des in die EU importierten Sojas illegal Wald abgeholzt.

Das Ziel der EU, Lieferketten per Gesetz entwaldungsfrei zu gestalten ist zwar löblich, jedoch in der Praxis ein schwieriges Unterfangen. Viele Herkunftsländer haben weder die Infrastruktur noch die Logistik einen lückenlosen „rodungsfrei“-Nachweis zu erbringen, von Korruption einmal ganz abgesehen. Wir müssen daher weg von Flächenverbrauch, Waldrodung und Grasslandumbruch für unseren Konsum.

Auch deshalb muss das aktuell zur Verhandlung stehende MERCOSUR Abkommen, das die Regenwälder und Savannen Südamerikas noch weiter unter Druck setzt, gestoppt werden. Was wir brauchen, ist ein ressourcenangepasstes Ernährungssystem mit einer Flächen-gebundenen Tierhaltung und einer wirksamen EU-Eiweißstrategie, die uns von Sojaimporten unabhängig macht. Eine Energiewende mit 100% erneuerbaren Energieträgen gelingt uns auch nur mit einem Importstopp für Agrotreibstoffe. Zur Agrar- und Ernährungswende brauchen wir eine wirklich nachhaltige, ressourcenschonenden Landwirtschaft, die in Europa auf wenig Fläche das erzeugt was für eine gesunde Ernährung nötig ist.“

 

Weitere Infos:

WWF-Bericht zur Waldzerstörung

Projekt „Weltacker“

Freihandelsabkommen und Abholzung

Zur Ertragsleistung biointensiver Landwirtschaft