Grüne Europagruppe Grüne EFA

Ukraine

25.09.2022

Geschäftsführer von EWF sofort entlassen!

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Agrarausschuss und Mitglied im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments fordert die sofortige Entlassung des Geschäftsführers von EWF, Energie Waldeck Frankenberg.

 „Es ist unglaublich, dass Herr Schaller sich zum "Nützlichen Idioten " des verbrecherischen Putin-Regimes macht.

Welch geistige Gesinnung hat Herr Schaller? Ist es Vorsatz oder grenzenlose Dummheit, die einen Geschäftsführer eines kommunalen Unternehmens auf Einladung der russischen Besatzer in die Ostukraine fahren lässt. Es ist auch nicht das erste Mal, dass Herr Schaller sich an der Seite Russlands wiederfindet, er hat sich schon einmal als „Wahlbeobachter“ von Russland vereinnahmen lassen.

EWF sollte jetzt sofort Konsequenzen ziehen und sich von Herrn Schaller trennen, der Imageschaden ist schon enorm und peinlich für die ganze Region.“

23.06.2022

Krieg in der Ukraine - Unterstützung in Krisenzeiten für Landwirte ja, aber nicht so!

Zusätzliche Finanzhilfen an Landwirte zu pauschal und aus dem falschen Topf!

Die Grünen stimmen heute im Europaparlament gegen eine weitere Krisenhilfe. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, erklärt:

„Ich bin absolut dafür, dass man den Landwirten aktuell finanziell unter die Arme greift. Doch sie brauchen längerfristige, nachhaltige Lösungen, um ihre Abhängigkeit von externen Inputs zu reduzieren, insbesondere was Düngemittel und Futtermittel angeht. Die Preise steigen ja nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine, sondern schon vorher. Andererseits gibt es auch Landwirte – besonders intensiv-arbeitende Ackerbaubetriebe -, die trotz hoher Düngemittelpreise gerade gute Gewinne erzielen.
Was die Kommission jetzt anbietet, ist nur eine einfache Kompensation, die lediglich dazu dient, hohe fossile Kosten zu decken. Die Kommission greift nun, wie bei der Covid-Krisenhilfe, wieder zur 2. Säule. Der Gesamtbetrag soll auf eine Obergrenze von 5 % der ELER-Ausgaben 2021-2022 begrenzt sein. Auch wenn es also nur um ungenutzte Restgelder geht, sollte das nicht zur Regel werden, denn gerade diese Mittel der 2. Säule haben sich im Hinblick auf Nachhaltigkeit deutlich zielgerichteter erwiesen als die Direktzahlungen, sie sollten nicht bei jeder Krise umgewidmet werden.
Während die Absicht der Kommission, die Mittel auf vier Schlüsselbereiche zu konzentrieren – Kreislaufwirtschaft, Nährstoffmanagement, effiziente Ressourcennutzung und umweltfreundliche Methoden – zu begrüßen ist, sind die genauen Kriterien so unklar, dass die Mitgliedstaaten im Prinzip Zuschüsse nach dem Gießkannenprinzip gewähren können. So werden vor allem Betriebe mit hoher Inputabhängigkeit und Ausrichtung auf den Weltmarkt gefördert, die sich in Krisenzeiten eben nicht als resilient erweisen. Das ist weder akut sinnvoll noch mit Blick auf die Zukunft und widerspricht den Zielen des Green Deal.“

Wie könne Landwirte unabhängiger von mineralischen Düngemitteln werden? Factsheet 1 zum Ukrainekrieg

Preissteigerungen auch aufgrund von Spekulation: Factsheet 2 zum Ukrainekrieg

Studie „Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen

 

15.06.2022

Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen

Onlinevorstellung der politischen Studie im Auftrag von Martin Häusling, MdEP & Sarah Wiener, MdEP

Am Mittwoch, 15. Juni von 16.00 - 17.30 Uhr

Anmeldungen hier.

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine ist für die Menschen in der Ukraine eine humanitäre Katastrophe. Neben zahlreichen menschlichen Opfern wurden auch Industrie, Land-wirtschaft sowie die Infrastruktur in erheblichem Umfang zerstört. Der Krieg wirkt sich auch auf die internationalen Agrarmärkte und die globale Versorgungssicherheit aus. Die Ukraine hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem wichtigen Lieferanten für bestimmte Agrar-rohstoffe entwickelt und ist damit von großer Bedeutung für die globale Versorgung. Gepaart mit der ohnehin angespannten Versorgungslage auf-grund der fortschreitenden Klima-krise und der COVID-19-Pandemie, sieht sich die Weltwirtschaft nun Versorgungsengpässen und massiven Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen gegenüber.

Aktuell leiden weltweit 873 Millionen Menschen an Hunger. Die Ukraine ist für Länder, die sich in einer akuten Ernährungskrise befinden, ein wichtiger Lieferant von Weizen und Mais. Im Jahr 2020 haben 38 dieser Ländern 34 % dieser Getreide aus der Ukraine bezogen. Prof. Dr. Sebastian Lakner, Professor für Agrarökonomie an der Universität Rostock, hat gemeinsam mit Dr. Wilhelm Klümper und Kristina Mensah in einer Studie im Auftrag von Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher (Grüne/EFA) im Europäischen Parlament und Sarah Wiener, Europaabgeordnete und Schattenberichterstatterin für die Strategie „Vom Hof auf den Tisch“, genauer hingeschaut. Diese Studie möchten wir Ihnen am 15.06.2022 in einer Online-Veranstaltung vorstellen und anschließend mit Ihnen und weiteren Expert*innen darüber diskutieren:

Was sind die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die globale Lebensmittelversorgung und welche agrarpolitischen Handlungsoptionen ergeben sich nun?

Programm:

15.06.2022

PM zur Studienvorstellung: „Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen“

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss und Sarah Wiener, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss stellen heute die von Ihnen in Auftrag gegebene Studie zum Ukraine-Krieg und der globalen Lebensmittelversorgung vor:

Die Studie wurde erstellt von Prof. Dr. Sebastian Lakner, Professor für Agrarökonomie an der Universität Rostock, zusammen mit Dr. Wilhelm Klümper und Kristina Mensah.

Martin Häusling: „Während in der EU aufgrund eines hohen Selbstversorgungsgrades keine Gefährdung der Versorgung vorliegt, sind vor allem importabhängige Länder im Nahen Osten, Afrika und Asien vom Ausfall von Getreide- und Ölsaaten-Lieferungen betroffen. Die Studie beschreibt die Wirkungen fehlender Exporte aus der Ukraine und diskutiert mögliche politische kurz- und mittelfristige Handlungsoptionen der EU und Deutschland. Ein für mich wichtiger Punkt ist dabei die Hinterfragung der Verwendung von Getreide und Ölsaaten für Biokraftstoffe. Schon seit langem steht fest, dass dies noch nicht einmal dem Klima hilft, aktuell aber müssen wir uns definitiv fragen, ob es moralisch verantwortbar ist, lebensmittelfähige Produkte in den Tank zu werfen, während woanders Nahrung fehlt.“

Sarah Wiener: „Die Studie arbeitet wichtige und praktische Handlungsmaßnahmen heraus. Dazu zählt neben Verbesserungen in der Getreidelogistik auch die Offenhaltung der Märkte sowie höhere finanzielle Zuwendungen an Entwicklungshilfeorganisationen. Durch den Ukraine-Krieg wird noch einmal deutlicher, dass die teils politisch gesteuerte Abhängigkeit einiger Länder im Nahen Osten und in Nordafrika eine fatale Krisenanfälligkeit mit sich bringt. Das zu beenden, muss unsere oberste Priorität sein. Vor allem angesichts der 800 Millionen, die jetzt schon an Hunger leiden. Standortangepasste, regionale Sorten und kleinstrukturierte Landwirtschaft schaffen resiliente Systeme. Das gilt auch innerhalb der EU: Jetzt Brachen zu beackern, bringt nur marginale Produktionssteigerungen, aber umso größere Schäden für Biodiversität und Artenvielfalt. Wenn wir zukünftige Krisenszenarien überstehen wollen, müssen wir unsere Nachhaltigkeitsziele einhalten. Nur das bringt uns von der Lebensmitteleffizienz in die Lebensmittelstabilität."

Die Studie wird heute um 16 Uhr vorgestellt und danach online verfügbar sein. Zur Anmeldung gelangen Sie hier.

Weitere Informationen:
Factsheet von Renate Künast und Martin Häusling zum Thema Krieg in der Ukraine und der Versorgungssituation auf den Agrarmärkten: https://www.martin-haeusling.eu/themen/welthandel-und-welternaehrung/2837-factsheet-zum-thema-krieg-in-der-ukraine-und-den-agrarmaerkten.html
Factsheet zum Thema Krieg in der Ukraine und den Agrarmärkten: https://www.martin-haeusling.eu/themen/welthandel-und-welternaehrung/2837-factsheet-zum-thema-krieg-in-der-ukraine-und-den-agrarmaerkten.html

15.06.2022

Studie: Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen

Politischen Studie im Auftrag von Martin Häusling, MdEP & Sarah Wiener, MdEP

220515 titel studie ukraine laknerDownload als pdf

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine ist für die Menschen in der Ukraine eine humanitäre Katastrophe. Neben zahlreichen menschlichen Opfern wurden auch Industrie, Land-wirtschaft sowie die Infrastruktur in erheblichem Umfang zerstört. Der Krieg wirkt sich auch auf die internationalen Agrarmärkte und die globale Versorgungssicherheit aus. Die Ukraine hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem wichtigen Lieferanten für bestimmte Agrar-rohstoffe entwickelt und ist damit von großer Bedeutung für die globale Versorgung. Gepaart mit der ohnehin angespannten Versorgungslage auf-grund der fortschreitenden Klima-krise und der COVID-19-Pandemie, sieht sich die Weltwirtschaft nun Versorgungsengpässen und massiven Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen gegenüber.

Aktuell leiden weltweit 873 Millionen Menschen an Hunger. Die Ukraine ist für Länder, die sich in einer akuten Ernährungskrise befinden, ein wichtiger Lieferant von Weizen und Mais. Im Jahr 2020 haben 38 dieser Ländern 34 % dieser Getreide aus der Ukraine bezogen. Prof. Dr. Sebastian Lakner, Professor für Agrarökonomie an der Universität Rostock, hat gemeinsam mit Dr. Wilhelm Klümper und Kristina Mensah in einer Studie im Auftrag von Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher (Grüne/EFA) im Europäischen Parlament und Sarah Wiener, Europaabgeordnete und Schattenberichterstatterin für die Strategie „Vom Hof auf den Tisch“, genauer hingeschaut.

Weitere Informationen:

Abstract der Studie "Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen"

Pressemitteilung zur Studienvorstellung ab 15.06.22: „Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen“

 

19.05.2022

Berliner Biodiversitäts-Erklärung: Stoppt endlich den Artenschwund und den Temperaturanstieg

Die Berliner Erklärung der Wissenschaft zum Schutz der Artenvielfalt kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss. Er mahnt ein radikales Durchgreifen an:

„Den Verfassern der Berliner Erklärung zum Schutz der Biodiversität und der besonderen Rolle Deutschlands in der G7-Präsidentchaft ist voll und ganz zuzustimmen: Mehr als einmal haben Deutschland und die EU ihre selbst verordneten Biodiversitätsziele verschoben, und immer noch geschieht viel zu wenig, um die Artenvielfalt wenigstens auf dem heutigen Stand zu bewahren. Wir müssen endlich entschlossen, notfalls auch radikal handeln, statt mit weichgespülten Programmen zu agieren und vollmundige Ankündigungen wie den Green Deal der EU-Kommission zu zerreden.
Denn die Lage wird immer schlimmer: Es droht ein roll back, wenn eilfertige konservative Politiker, die Agrarindustrie und unbelehrbare Bauernfunktionäre unter dem Vorwand, mehr Getreide erzeugen zu müssen, die Aufhebung selbst minimaler Artenschutzstandards verlangen. Die durch den Ukraine-Krieg ausgelöste globale Krise verschließt ihnen die Augen vor den tatsächlichen Notwendigkeiten. Die Berliner Erklärung der Wissenschaft macht noch einmal deutlich: Es geht um nichts anderes als um unsere menschliche Existenz.
Immer deutlicher wird zudem, dass wir uns 30 Jahre nach dem ersten Weltnaturgipfel von Rio in einer doppelten Krise befinden: Den Schutz der Arten und den Kampf gegen den Temperaturanstieg kann man nur gemeinsam bestreiten. Beides hängt eng miteinander zusammen, wie die Wissenschaftler das auch mit dem Begriff der Zwillingskrise formulieren.
Vor Ort in Deutschland kann jeder diesen Zusammenhang bei einem Blick auf den Wald begreifen: Die Dürrejahre 2018 bis 2020 haben große Lücken in den Wald gerissen. Damit verliert der Wald mehr und mehr seine Funktion als Klimapuffer, aber auch als Hort vieler Arten, die auf ein kühleres Klima und auf Schatten angewiesen sind.“

Weitere Infos:
- Pressemitteilung und Berliner Erklärung: https://www.museumfuernaturkunde.berlin/de/presse/pressemitteilungen/berliner-erklaerung-fuer-die-zukunft-der-menschheit

 

Publikationen hrsg. von Martin Häusling unter:
https://www.martin-haeusling.eu/presse-medien/publikationen/2411-martin-s-bibliothek.html

 

18.05.2022

Factsheet zum Thema Krieg in der Ukraine & Spekulation auf den Agrarmärkten (2)

Download des Factsheet

220518 screenshot fact sheet2Mit dem Ukraine-Krieg und einer drohenden Knappheit sind die Preise für Getreide, aber auch für Düngemittel in schwindelerregende Höhen gestiegen.
Agrarmärkte sind von jeher Preisschwankungen unterworfen. Deren Auswirkungen sind jedoch weltweit deutlicher denn je zu spüren, seitdem die Agrarliberalisierung multilateral vorangetrieben wird und Lagerbestände abgebaut werden. Die Weltagrarmärkte sind seitdem finanzialisiert“,das heißt: Die Gesetzmäßigkeiten der Finanzmärkte und die Motive der Finanzakteure bestimmen und treiben – gerade auch jetzt - immer mehr die Preise von Nahrungsmitteln wie Weizen, Mais und Soja. Auch die Spekulation mit Erdöl und Düngemitteln treibt die Nahrungsmittelpreise in die Höhe, da die industrielle Landwirtschaft sehr stark von mit fossiler Energie erzeugten Düngemitteln abhängt.

05.05.2022

Ernährungskrisen: Transformation zur Agrarökologie statt exorbitante Gewinne für die Agrarindustrie

Pandemie, Krieg, Klima und Artenschwund: Grüne diskutierten mit Experten über Ernährungskrise

220504 screenshot für youtubeAufzeichnung der Zoom-Veranstaltung auf YouTube: https://youtu.be/WK-usS5Q_RE

Eine Explosion der Zahl hungernder Menschen auf der einen und extrem steigende Gewinne bei den Dünger- und Pestizidherstellern auf der anderen Seite: Die sich, in Folge von Pandemie und Ukrainekrieg, aber auch von Klimawandel und Artenschwund verschärfende Ernährungskrise wird die soziale Ungleichheit auf der Welt verstärken. Darin waren sich die Teilnehmenden einer Diskussionsrunde der Grünen Europaabgeordneten Sarah Wiener und Martin Häusling am Mittwochabend rasch einig. Sie stimmten zudem überein in der Forderung, die fatale Abhängigkeit der konventionellen Landwirtschaft von fossilen Energieträgern so rasch wie möglich zu beenden und die als unabdingbar empfundene agrarökologische Transformation zu beschleunigen.

Europa, monierte Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss, verliere den globalen Blick auf die wachsende Ernährungskrise. „Alle denken nur an ihr eigenes Supermarktregal“, statt auch daran, wie die aufkommende Katastrophe sich auf die Hungernden der Welt auswirkt, die mangels Geldes kaum Zugang zu Nahrungsmitteln haben. „Wo sind die Bilder als Nordafrika?“ fragte Häusling und kritisierte eine fahrlässige, ignorante Binnensicht auf Europa. Häusling fordert die EU-Kommission auf, nicht nur ein Programm zur Unterstützung der europäischen Landwirte, sondern auch ein Programm zur Bekämpfung des Hungers und zur Unterstützung der Landwirtschaft im globalen Süden aufzulegen.

Die Grünen-Abgeordnete Sarah Wiener vermisste zudem, dass auf EU-Ebene praktisch nicht darüber gesprochen werde, wie die seit langem bestehenden Krisen in Form von Biodiversitätsverlusten, Pestizidvergiftung, Klimawandel, Boden- und Nutztierprobleme die jetzige Krise extrem verstärkt haben. Diese älteren Krisen werden nun durch die Folgen des Ukrainekriegs überschattet, müssten aber bei den Lösungen ebenfalls im Zentrum stehen. Denn nur nachhaltige, resiliente agrarökologische Systeme könnten auf Dauer Ernährungssicherheit garantieren.

Die beiden Grünen-Politiker*innen unterstützten Forderungen der Experten Alexander Müller, Professor Peter H. Feindt und Lena Bassermann, das Welternährungsprogramm unverzüglich aufzustocken. Lena Bassermann, Referentin für Welternährung und Globale Landwirtschaft bei der entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisation Inkota, wies darauf hin, dass die Diskussion um die finanzielle Ausstattung dieses Programms alt und fatalerweise nie etwas geschehen sei. Die Expertin plädierte dafür, den Beimischungszwang für Pflanzensprit abzuschaffen, um damit Platz für den Anbau von Lebensmitteln zu gewinnen. Sie warb zugleich für einen Hilfsfonds für Biodünger, statt weiter große Summen als Blanko-Subventionen für chemischen Dünger auszugeben. Subventionen würden letztlich nur die Gewinne der Düngerhersteller weiter aufblähen, wie Bassermann anhand von Zahlen der Produzenten Yara und K+S deutlich machen konnte: Deren Profite wachsen offenbar gerade in der Krise, denn ihre Mehrausgaben für Energie oder Transporte würden durch steigende Einnahmen überkompensiert.

Tatsächlich, belegte Alexander Müller, Ex-Staatssekretär im Bundesland-wirtschaftsministerium sowie früherer stellvertretender Direktor der Weltlandwirtschafts-organisation FAO und heute als Geschäftsführer und Mitgründer des TMG Think Tank for Sustainability aktiv, anhand aktueller Zahlen, dass sich die Krise bereits Monate vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine abzeichnete: Die Düngerpreise stiegen bereits seit dem Herbst vergangenen Jahres, und inzwischen befindet sich der Food-Price-Index auf einem Allzeithoch. Doch im Gegensatz zur letzten Welternährungskrise 2008 reagiere die Welt kaum, auch die FAO halte unverständlicherweise die Füße still. Es sei dringend erforderlich, dass sich die Länder der Erde an einen Tisch setzten, um die Krise zu bewältigen. Da dies offenbar unmöglich sei, appellierte Müller an die G7-Staaten, zusammen mit den besonders betroffenen Ländern einen raschen Weg aus der Ernährungskrise, deren Umfang noch nicht abschätzbar sei, zu suchen. Im Zentrum müsste dort neben der akuten Bewältigung unbedingt ein Punkt stehen: „Wir brauchen einen zehnjährigen Transformationsprozess“, der zu einem agrarökologischen, von fossilen Energien unabhängigen Agrarsystem führe. Komme dies nicht, „wird es bitterböse enden“.

Professor Peter H. Feindt, Leiter des Fachgebiets Agrar- und Ernährungspolitik an der Berliner Humboldt-Universität, warnte ebenfalls davor, dass kurzfristige Maßnahmen zur Produktionssteigerung langfristig problematisch wirkten. Denn eine etwaige Flächenausweitung treffe unter anderem rasch auf weitere, kaum hinnehmbare Biodiversitätsverluste. Schon bisher habe die Agrarpolitik den Fokus zu wenig auf resiliente Agrarsysteme gelegt. So dürfe auch das Farm-to-Fork-Paket der EU jetzt keinesfalls ausgehebelt werden. Statt knappe finanzielle Mittel zugunsten kurzfristiger Effekte auszugeben, gelte es, langfristig wirksame agrarökologische Konzepte zu verfolgen.

Aufzeichnung der Zoom-Veranstaltung auf YouTube: https://youtu.be/WK-usS5Q_RE

Hintergrundinformation:

Factsheet zum Thema Krieg in der Ukraine und den Agrarmärkten: https://www.martin-haeusling.eu/themen/welthandel-und-welternaehrung/2837-factsheet-zum-thema-krieg-in-der-ukraine-und-den-agrarmaerkten.html

04.05.2022

Ernährungsunsicherheit als Folge des Kriegs in der Ukraine? Droht sie wirklich? Was gilt es nun zu tun?

Online-Veranstaltung von MdEP Martin Häusling & MdEP Sarah Wiener am 4. Mai von 16.00 - 18.00 Uhr

Aufzeichnung der Zoom-Veranstaltung auf YouTube:
https://youtu.be/WK-usS5Q_RE

Veranstaltungsbericht:

Pandemie, Krieg, Klima und Artenschwund: Grüne diskutierten mit Experten über Ernährungskrise

Transformation zur Agrarökologie statt exorbitante Gewinne für die Agrarindustrie

220504 screenshot für youtubeEine Explosion der Zahl hungernder Menschen auf der einen und extrem steigende Gewinne bei den Dünger- und Pestizidherstellern auf der anderen Seite: Die sich, in Folge von Pandemie und Ukrainekrieg, aber

29.03.2022

Ukraine-Krieg und Weizen-Anbau: CDU/CSU operiert vorsätzlich mit irreführenden Zahlen


Konservative Politiker*innen behaupten, mit der Aufhebung ökologischer Vorrangflächen könnte jede Menge Fläche für die Aussaat von Weizen bereitgestellt werden. „Das ist eine falsche, irreführende Behauptung“, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss, Äußerungen, die deutsche und europäische CDU/CSU-Politiker*innen verbreiten:

„Wer mit solchen völlig aus der Luft gegriffenen Zahlen operiert, streut bewusst Sand in die Augen derjenigen, die das Nahrungsmittelproblem in der aktuellen Situation lösen wollen. Es sind falsche Zahlen und irreführende Behauptungen, die suggerieren sollen, dass Deutschland und die EU die Welt in diesen schwierigen Kriegs-Zeiten ernähren könnten, gebe es die ach so unsinnigen ökologischen Beschränkungen nicht.
Man muss noch nicht einmal den ökologischen Sinn, den Beschränkungen im Anbau erforderlich machen, begreifen, um die Behauptungen konservativer Politiker*innen als Luftnummer zu entlarven. Die Rechnung der CDU/CSU-Politiker*innen, wonach es in der EU vier Millionen Hektar stillgelegte Äcker gebe, auf denen zehn Millionen Tonnen Getreide angebaut werden könnten, stimmt hinten und vorne nicht. Diese Flächen, auf denen Getreide in dieser Größenordnung angebaut werden könnten, gibt es in dieser Größenordnung gar nicht.
Denn von der Auflage „nicht produktive Flächen“ bereitzustellen, wie sie von 2023 angreift, sind reihenweise Betriebe ausgenommen, etwa kleine Höfe oder Grünlandbetriebe. Zudem unterschlagen die Konservativen, dass es sich bei den betroffenen Brachflächen überwiegend um Grenzertragsböden handelt, die nicht für eine intensive Produktion geeignet sind. Auf solchen landwirtschaftlich unergiebigen Flächen kann man Getreide mit einem nennenswerten Ertrag nicht produzieren.
Ebenfalls Teil dieser Flächen sind Landschaftselemente wie z.B. Hecken. Wer dafür plädiert, dass auch noch die letzten Refugien zum Schutz der Artenvielfalt in Produktion genommen werden, bis dann auch wirklich der letzte Vogel verschwunden ist, hat das Funktionieren von Ökosystemen nicht verstanden.
Den Irrsinn dieser Rechnung macht auch bereits ein kleines Beispiel klar: 14 Prozent der in der EU für die Artenvielfalt aus der Produktion genommenen Flächen befinden sich im Dürre geplagten Spanien. Das sind Halbwüsten, aber keine Äcker.
Mit all diesem Unfug gehen diese Konservativen durch die Lande.
Solange die Konservativen nicht bereit sind darüber zu sprechen, wohin die Masse des EU-Getreides hingeht, nämlich in Trog oder Tank, sind sie in der Debatte nicht ernst zu nehmen.
Ich fordere sie daher auf: Beenden sie diese schamlose Kampagne, die sie vor dem Hintergrund des Ukrainekrieges betreiben.“

 

Factsheet Martin Häusling und Renate Künast zu Ukraine-Krieg & Versorgungssituation

Berechnung BÖLL Stiftung zur Bewirtschaftung ökologische Vorrangflächen

Statement von 300 Wissenschaftler*innen fordert eine Transformation des Ernährungssystems: Weniger Fleisch und Lebensmittelverschwendung, dafür mehr Leguminosen und eine grünere Agrarpolitik.

23.03.2022

Vorschläge der EU-Kommission zur Ernährungssicherheit: Mehr Lobby-getrieben als von Vernunft getragen!

Zur Mitteilung der EU-Kommission zur Ernährungssicherheit und zur Stabilisierung der Lebensmittelkette im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Zur Freigabe der ökologischen Vorrangflächen für die generelle uneingeschränkte Produktion kann ich nur sagen: Das ist Schaufensterpolitik und hilft mengenmäßig nicht weiter: Würden alle aktuell in der EU brachliegenden Flächen in die Produktion von beispielsweise Getreide einbezogen, läge die Getreideproduktion nur um bis zu 4,4 % höher. Gemessen an der weltweiten Produktion wären das nur bis zu 0,4 %.

Auch dies wäre nur der Fall, wenn die Qualität des Bodens und die naturräumlichen Bedingungen keine Rolle spielten. Da die meisten dieser Flächen jedoch für eine intensive Produktion gar nicht geeignet sind, dürften die Werte noch niedriger liegen. Dafür im Angesicht des Artensterbens die letzten Rückzugsflächen wieder einer intensiven Düngung und chemischen Behandlung auszusetzen, zeugt von enormer Kurzsichtigkeit und einem Unverständnis für das Funktionieren von Ökosystemen.

Außerdem ist die EU bereits zu 112 % Selbstversorger bei Getreide und exportiert mehr als das Doppelte der Getreideeinfuhren.

Andererseits wird wiederum nicht in Erwägung gezogen, was viele Wissenschaftler dringend empfehlen, nämlich EU-weit den Beimischungsanteil von Biokraftstoffen herunter zu setzen, um Flächen für die Produktion von Nahrungsmitteln frei zu bekommen.

Mindestens genauso unfassbar finde ich auch das Vorhaben der Kommission, Hilfsgelder im Rahmen von 500 Millionen Euro u.a. auch in die extrem energiefressende und klimaschädliche Produktion von Mineraldünger zu stecken, während sie gleichzeitig der Meinung ist, eine „Eiweißpflanzenstrategie“ sei nicht nötig, die Mitgliedstaaten hätten genügend Spielraum für eine Förderung. Dabei würde ein verstärkter Leguminosenanbau die Abhängigkeit vom klimaschädlichen Mineraldünger deutlich verringern.

Fazit: Insgesamt ein mehr als schwaches Paket, mehr lobbygetrieben als von Vernunft getragen!“

 

Mitteilung der EU-Kommission „Safeguarding food security and reinforcing the resilience of food systems.”

Factsheet Martin Häusling und Renate Künast zu Ukraine-Krieg & Versorgungssituation

Berechnung BÖLL Stiftung zur Bewirtschaftung ökologische Vorrangflächen

Statement von 300 Wissenschaftler*innen fordert eine Transformation des Ernährungssystems: Weniger Fleisch und Lebensmittelverschwendung, dafür mehr Leguminosen und eine grünere Agrarpolitik.

23.03.2022

Factsheet on war in Ukraine & supply situation

Here you can find a factsheet by Renate Künast and myself on the war in Ukraine, the supply situation on the agricultural markets and the discussion about what to do now.

The war Putin is waging against Ukraine is a humanitarian and international legal disaster. It is existential that and how the European Union acts here together with its allies. The acts of war are costing more and more lives and forcing women and children to flee. In addition, there are serious consequences for the agricultural sector.

We hereby take a stand on the current discussion about an allegedly necessary rollback towards further intensification of agriculture. We consider this to be a serious mistake, as it would mean fuelling the climate and species crisis. The overexploitation and pollution of our natural resources - air, water, soil - and the loss of biodiversity are already leading directly and indirectly to yield losses, with all the known consequences.

However, we must now help acutely and at the same time think about the food security of tomorrow.

Quote Martin Häusling:

"The current attempts to use the war in Ukraine to question the objectives of the Farm-to-Fork and Biodiversity Strategies with the rhetorical catchword of "food security", I consider to be completely short-sighted and not in line with scientific recommendations. The climate and biodiversity crises are not taking a break, even in the current situation. The statement of 300 scientists, among others from the PIK Potsdam Institute for Climate Impact Research, clearly calls for a transformation of the food system: less meat and food waste, more legumes and a greener agricultural policy.

23.03.2022

Krieg in der Ukraine und Diskussion um Green Deal: Rückkehr zur Turboproduktion sägt an dem Ast auf dem wir sitzen!

Zum Ukrainekrieg und der Diskussion über ein Zurückdrehen der Ökologisierungs-Initiativen der EU-Kommission für die „Ernährungssouveränität“, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine hat innerhalb und außerhalb der Europäischen Union eine Debatte über Ernährungssicherheit ausgelöst, Forderungen nach Aufschub und Verwässern der „Farm to Fork-” und Biodiversitätsstrategie werden wieder lauter.
Die in den letzten Wochen verlauteten Forderungen nach einer Überprüfung der "Farm to Fork"-Strategie und ggf. Anpassung, gehen sämtlich von Anhängern und Profiteuren des agrarindustriellen Modells oder deren Interessenvertretern aus (IVA, Copa/Cogeca, Grain Club, Futtermittelindustrie, Fleischindustrie). Auch Konservative (EVP) und Liberale (Renew) versuchen, mit der Mehrheit der Sozialisten (S&D) und extremen Rechten im Europaparlament den Rollback mittels einer rückwärtsgewandten Resolution durchzudrücken. Wenn wir dem folgen, werden wir weder die Klima- noch die Biodiversitätsziele auch nur annähernd einhalten.
Es wäre nicht nur ein historischer Fehler, wenn die EU ihre Nachhaltigkeitsvorhaben nun verlangsamen oder sogar ganz begraben würde, es wäre auch ein weiterer Fall sturer Wissenschaftsleugnung, ähnlich wie beim Klimawandel. Unzählige wissenschaftliche Studien, Sachverständigen-Gutachten und Äußerungen europäischer Institutionen, wie beispielsweise des Europäischen Rechnungshofes belegen, dass nachhaltige, langfristige Ernährungssouveränität und -sicherheit nur mit einer Ökologisierung des Agrarmodells möglich ist.
Drei renommierte Agrarforscher vom UFZ - Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, der Universität Rostock und der Universität Wageningen haben einen offenen Brief an die EU-Kommission geschrieben, in dem sie auf den Zusammenhang zwischen dem Ukrainekrieg und der Biodiversitäts- und Klimakrise eingehen und wenige Tage später veröffentlichten weitere 300 Wissenschaftler*innen, u.a. vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, ein Statement für eine ökologische Transformation des Ernährungssystems. Auch sie forderten eine Verringerung der Fleischproduktion und ein Umsteuern in der Agrokraftstofferzeugung: Weniger Produktion für Tank und Trog, mehr für die Teller.
Nicht zuletzt im Abschlussstatement der Sondersitzung der G7 wurde u.a. vereinbart, ‚in dieser Krise die Klima- und Umweltverpflichtungen und die Ziele der nachhaltigen Entwicklung weiter zu verfolgen‘.“

Hinweis:
Begriff ‚Ernährungssouveränität‘ bedeutet nicht, auf Teufel komm raus zu produzieren. Der Begriff geht auf das als Menschenrecht völkerrechtlich im UN-Sozialpakt verankerte „Recht auf Nahrung“ zurück, das 2004 von allen FAO-Mitgliedern unterzeichnet wurde. Es beinhaltet das Recht auf Nahrung sowie die selbstbestimmte Wahl eines nachhaltigen Ernährungssystems und den Schutz vor ökologischen, wirtschaftlichen oder sozialen Formen des Dumpings.

Factsheet Martin Häusling und Renate Künast zu Ukraine-Krieg & Versorgungssituation

Brief Pe’er et al.: „Ukraine-Crisis impacts on food security: tackling the short-term shock must be done with a vision in mind of the larger-scale and longer-term threats of the Climate- and Biodiversity-Crises.”

Statement von über 300 Wissenschaftler*innen: „Wir brauchen eine Ernährungswende – angesichts des Kriegs in der Ukraine jetzt mehr denn je.“

Abschlussstatement der Sondersitzung der G7.

22.03.2022

Factsheet zum Thema Krieg in der Ukraine und den Agrarmärkten

Hier finden Sie ein Factsheet von Renate Künast und mir zum Thema Krieg in der Ukraine, der Versorgungssituation auf den Agrarmärkten und der Diskussion darum, was nun zu tun ist.

220322 pic factsheet ukraine

English version of factsheet

Der Krieg den Putin gegen die Ukraine betreibt, ist eine humanitäre und völkerrechtliche Katastrophe. Es ist existentiell, dass und wie die Europäische Union hier gemeinsam mit den Verbündeten agiert. Die Kriegshandlungen kosten immer mehr Menschenleben und zwingen Frauen und Kinder in die Flucht. Hinzu kommen schwerwiegende Folgen für den Agrarsektor.

Wir nehmen hiermit Stellung zur aktuellen Diskussion über ein angeblich notwendiges Rollback hin zu einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft. Wir halten das für einen schwerwiegenden Fehler, denn das hieße ja, die Klima- und Artenkrise noch zu befeuern. Schon jetzt führt die Übernutzung bzw. Verschmutzung unserer natürlichen Ressourcen Luft, Wasser, Boden sowie der Verlust an Biologischer Vielfalt direkt und indirekt zu Ertragsausfällen und –einbußen, mit allen bekannten Folgen.

16.03.2022

Weizen-Exportstopp: Russland setzt Brotweizen als Waffe ein und ist auf dem Weg, den Weltmarkt zu beherrschen

Mit dem von Russland angekündigten teilweisen Exportstopp für Weizen setzt Putin das Getreide als Waffe ein und bedroht die Ernährungslage vor allem armer Länder des Südens. Russland stellt die Welt vor eine neue, bislang völlig unbekannte Herausforderung. „Beschämend“, so Martin Häusling, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, wirken angesichts der existenzbedrohenden Not von Millionen Menschen Äußerungen aus der deutschen Fleischindustrie vom Montag, man möge sich hierzulande bereits jetzt mit Grillwürstchen für die Sommersaison eindecken.

„Ich stimme UN-Generalsekretär António Guterres voll und ganz zu, wenn er vor den weltweiten Folgen des Kriegs in Osteuropa warnt und sagt: Die Kornkammer des Planeten werde bombardiert, es drohe ein ‚Wirbelsturm des Hungers‘.
Der Exportstopp, der bis in den Sommer dauern soll, ist ein weiteres fatales Signal für die Welternährung. Vor allem für Länder wie Burkina Faso, Ägypten, Eritrea, Somalia, Benin, Kongo, Liberia, Jemen und Algerien, aber auch Saudi-Arabien und die Türkei sowie asiatische Staaten wie Pakistan, die von russischen Lieferungen abhängig sind, wird die Ankündigung der russischen Agrarbehörde katastrophale Folgen haben. Russland wählt seine Absatzmärkte für Weizen nach Gutdünken. Länder mit willfährigen Regierungen bekommen die Brosamen, die anderen gehen völlig leer aus. Grad so wie es Putin passt.
Damit wird offenbar, dass Russland auch einen Krieg um die Handlungshoheit auf den Getreidemärkten führt. Es ist ein Krieg um Ressourcen. Russland wird zusammen mit den aus der Ukraine theoretisch denkbar erzeugbaren Mengen an Weizen, Mais oder Ölsaaten zu einem maßgeblichen Bestimmer am Weltgetreidemarkt. Die Ernährung der Menschen der Welt wird damit in Zukunft völlig unberechenbar, weil von einem Despoten dirigiert.
Der wie auch immer gemanagte Exportstopp wird den Tsunami des Hungers verstärken, wie er sich bereits seit Tagen abzeichnet, da die Ukraine als eines der großen Weizen-Exportländer der Welt ausfällt, Russland aber ein theoretisch großer Player bleibt. Die Schwarzerde-Äcker der Kornkammer Ukraine, die noch nicht bestellt sind, aber können nicht eingesät werden, da es an Menschen und Material fehlt. Zwar besteht die Masse der ukrainischen Lieferungen aus Winterweizen, doch der wird kaum gedüngt oder geerntet werden können. Wir rasen in eine Katastrophe, wenn Russland diese erpresserische Drohung umsetzt, denn der Ausfall von rund sechs Millionen Tonnen Weizen kann nicht ersetzt werden.
Wie - vor dem Hintergrund des Ausfalls der Lieferungen aus der Ukraine und jetzt auch der aus Russland - Äußerungen eines Tönnies-Managers zustande kommen, man möge sich angesichts zu erwartender Preissteigerungen bereits jetzt mit Grillwürstchen für die Sommersaison eindecken, verstehe wer will. Das sind zynische, geschmacklose Bemerkungen, die aus dem Denken einer Luxuswelt stammen. Was sind schon ein paar Bratwürste, wenn es in anderen Teilen der Welt ums nackte Überleben geht?“

 

 

10.03.2022

Folgen des Ukraine-Kriegs für die Ernährung; Getreide auf den Teller – statt in Tank und Trog

Steigende Preise für Lebensmittel, aber auch für Dünger, ausfallende Getreidelieferungen aus Russland und der Ukraine: Diese Folgen des Ukraine-Kriegs treffen die Menschheit in einer Zeit, in der Hunger seit Jahren wieder zunimmt und Dürren etwa in Ostafrika oder Spanien die Lage zusätzlich verschärfen. Gibt es schnelle Lösungen?

Eine von Martin Häusling, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, moderierte Expertenrunde war sich am Mittwoch einig: Vor allem ein Umlenken der bisherigen Produktion von Agro-Sprit in die Erzeugung von Lebensmitteln könnte eine rasch wirksame Stellschraube zur Entschärfung der Krise sein. Andere Veränderungen wie eine Reduzierung der Fütterung von Getreide an Schweine, Rinder und Hühner wirkten eher langfristig, seien aber vor dem Hintergrund einer wachsenden Weltbevölkerung und der Bekämpfung des Klimawandels unabdingbar. Häusling plädierte zugleich für eine deutliche finanzielle Unterstützung des World Food Programms der UN.

Martin Häusling verlangte ein Ende der Diskussion um eine Aufweichung des Green Deals sowie der Farm-to-Fork-Strategie. Die von Bauernfunktionären geforderte Intensivierung gehe nicht nur zulasten von Natur, Umwelt und Gesundheit. Sie führe schon deshalb in die Irre, weil die konventionellen Landwirtschaftsmethoden riesige, inzwischen kaum noch bezahlbare Energiemengen verschlingen würden. Es gelte vielmehr, die Abhängigkeit Europas von Stickstoffdünger aus Russland und Weißrussland zu beenden. Stattdessen müsse endlich in der EU ein Eiweiß-Plan etabliert werden: Leguminosen zur Stickstoffversorgung sollten selbstverständlicher Teil der Fruchtfolge sein.

Dr. Christine Chemnitz, Agrarexpertin der Böll-Stiftung in Berlin, zeigte sich überrascht, wie schnell in der Debatte um fehlendes Getreide am Weltmarkt ein Umsteuern in der Landwirtschaft auf die Erfordernisse des Klimawandels als „Luxusdebatte“ bezeichnet wurde. Dies unterschlage, dass der Umbau der Landwirtschaft auch mit und nach dem Krieg zwingend nötig sei, denn „die Klimakrise bleibt bestehen“. Der Hunger der Welt könne auch nicht dadurch bekämpft werden, wenn in der Europäischen Union im Zuge der Agrarreform verankerte Flächenstilllegung von Agrarflächen um zwei Prozent weniger ausfalle. Diese Diskussion führe in die falsche Richtung. Der Hunger von zehn Prozent der Menschen sei ein strukturelles Problem: Armut, kein Zugang zu Land, fehlende Beratung, keine resilienten Ernährungssysteme, das seien die Gründe, nicht aber, ob in Europa Flächen wegen des erforderlichen Biodiversitätsschutzes brach lägen.

Dr. Ophelia Nick, parlamentarische Staatssekretärin im Bundeslandwirtschafts-ministerium, wehrte sich gegen die Unterstellung, dass man aufgrund der aktuellen Lage Tierbestände rasch reduzieren wolle, um mehr Getreide für die direkte menschliche Ernährung zu erhalten. Richtig sei, dass man Tiere in der Kreislaufwirtschaft brauche. Klar allerdings sei auch, dass die Menge reduziert werden müsse. Gemeinsam mit den Bauern müssten Wege gesucht werden, um die Erzeugung flächengebundener zu gestalten.

Akut wirksam, so etwa Professor Sebastian Lakner von der Uni Rostock, könne es hingegen sein, die Biokraftstofferzeugung umzulenken. Das könne durchschlagenden Erfolg haben, zumal es um beträchtliche Größenordnungen gehe. Neun Prozent der weltweiten Pflanzenerzeugung wanderten in die Produktion von Agrosprit und Biogas. „Das ist eine Stellschraube“, sagte Lakner. Die Umsteuerung im Tiersektor hingegen benötige Jahre, um spürbar zu werden.

Hannes Lorenzen von der europäischen Plattform ARC 2020 (die Organisation mit fast 160 Mitgliedsverbänden streitet für eine agrar-ökologischen Umgestaltung der EU-Agrarpolitik) sieht ebenfalls in der Korrektur der verfehlten Agrar-Energiepolitik der vergangenen Jahrzehnte einen Schlüssel. Sein Beispiel: die USA. Dort wandern zwar „nur“ 42 Prozent des Getreides in den Futtertrog (Deutschland: knapp 70 Prozent), dafür aber werden aus 48 Prozent der Cerealien Treibstoffe hergestellt. „Das muss man in Frage stellen“, sagte Lorenzen und sieht in diesen ungeheuren Mengen ein bedeutsames Potenzial zur Gegensteuerung.

Auf dieses Potenzial (in Deutschland werden fast 18 Prozent der Ackerfürchte zu Energie) setzt auch Europaabgeordneter Martin Häusling, der zudem auf jene 57 Prozent des Getreides verwies, die hierzulande verfüttert werden. „Das muss sich ändern“ und müsse genauso beendet werden wie die nach wie vor bestehende Lebensmittelverschwendung.  Über alle Stufen der Erzeugung „werfen wir 30 Prozent weg“. Das müsse so schnell wie möglich gestoppt werden. 

YouTube-Link zur Aufzeichnung der Online-Veranstaltung vom 09.03.22

07.03.2022

Ukraine-Krieg: Weizen für Brot, statt Weizen in den Trog

Forderungen, die hiesige landwirtschaftliche Produktion wegen der Ausfälle durch den Ukraine-Krieg zu intensivieren, gehen in eine völlig falsche Richtung, meint Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Die durch den Ukraine-Krieg sich weltweit verknappende Getreideversorgung wird Europa in besonderer Weise herausfordern. Russland und die Ukraine zusammen haben einen Anteil von ungefähr 30% an den weltweiten Exporten von Weizen. Beide Länder werden wohl auf kürzere und mittlere Frist als Getreidelieferanten ausfallen, weshalb laut WHO Hungersnöten in Ländern drohen, die von diesen Lieferungen abhängig sind, vor allem im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika. Dazu kommen erhebliche Preissteigerungen.
Damit stellt sich die Frage welche Verantwortung Europa hat, um diese Versorgungslücken zu schließen und was machen wir hier in Europa mit unserem Getreide. Ein Blick auf die Statistiken zeigt, dass Europa tatsächlich zwei Drittel seines Getreides in den Futtertrog wirft und nur ein kleinerer Teil davon der menschlichen Ernährung dient. Hinzu kommt, dass wir vor allem in Deutschland eine erhebliche Fläche für die Produktion von Agrotreibstoff verwenden. Auch müssen wir uns klar machen, dass 30 % der Nahrungsmittel gar nicht erst den Weg auf unsere Teller finden und als Food-Waste verschwendet werden.
Diese Zahlen zeigen: Wir brauchen dringend eine Veränderung der Warenströme, statt einer Intensivierung der hiesigen landwirtschaftlichen Produktion das Wort zu reden. Vereinfacht gesagt: Weizen für Brot, statt Weizen in den Trog. Wir müssen unser Fleisch-Export-Modell überdenken, für welches wir nicht nur Getreide aus der Ukraine, sondern auch riesige Mengen an Soja aus Südamerika importieren. Dieses Modell ist nicht nachhaltig.
Doch was tut EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski? Er stellt die Farm-to-Fork-Strategie in Frage und verlangt eine Intensivierung der Produktion. Statt, wie von der EU-Kommission eigentlich angestrebt, mit Dünge- und Pestizid-Beschränkungen endlich eine nachhaltige, die Natur bewahrende Entwicklung in der Landwirtschaft einzuleiten, plädiert Wojciechowski für das Gegenteil. Doch solcherlei platte Forderungen stellen nicht nur unsere jahrlangen Anstrengungen für eine gesündere Umwelt in Frage, sondern verstellen auch den Weg für eine klimaangepasste und biodiversitätserhaltende Landwirtschaft.
Und man sieht jetzt die europäische Importabhängigkeit bei mineralischem Stickstoff, der unter enormem energetischem Aufwand in Russland und Belarus hergestellt wird. Wir müssen daher nicht mehr, sondern weniger mineralischen Stickstoff-Dünger einsetzen und das ist nur möglich, indem wir in den Fruchtfolgen zum Beispiel Leguminosen anbauen. Agrarökologische Landwirtschaftssysteme sind die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit - und nicht eine intensivere konventionelle Landwirtschaft.

In einer Online-Veranstaltung diskutieren wir die Folgen des Ukraine-Kriegs auf die Landwirtschaft am Mittwoch, den 9.März, um 16.30 Uhr mit folgenden Experten: Dr. Ophelia Nick, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Prof. Sebastian Lakner, Universität Rostock, Dr. Christine Chemnitz, Heinrich-Böll-Stiftung, Martin Häusling, MdEP.

Anmeldungen und weitere Infos.

 

03.03.2022

Ukraine war: The use of our agricultural resources must be questioned!

Commenting on the Ukraine war and its impact on agricultural markets, Martin Häusling, spokesperson on agricultural policy of the Green/EFA group in the European Parliament and member of the Environment Committee, comments:

„"The Ukraine war shows how dependent many countries are on agricultural commodities from Russia and Ukraine - especially on grain. This dependency also affects Europe. It is obvious that Europe must immediately become independent from Russian agricultural supplies. Furthermore, Europe has to take responsibility towards other regions in the world such as East Africa and the Middle East. Regions, which are much more dependent on Russia and Ukraine as we are. Egypt for instance receives 80% of its wheat supplies from these two countries. It is without a doubt that the war in Ukraine and the resulting food crises will affect the political stability in those regions. The European Union should therefore grant access to its own reserves. We need to stand together in solidarity against Russia and this should be "the order of the day”.
However, it is also urgent that we challenge the use of where our agricultural commodities like grain are predominantly used in the food chain. It is not acceptable that intensive meat production continues to devour a large part of the grain harvest; this has always been neither economically nor ecologically sustainable and has to be challenged.
If Agriculture Commissioner Wojciechowski is willing to adopt the agricultural lobby's argumentation and questions the important agricultural transformation of the EU's farm-to-fork strategy within the framework of the Green Deal due to the war against Ukraine, I can only consider this logic as completely absurd. The first priority must be now to question our inefficient use of resources. This concerns the use of fertiliser as well as the use of vulnerable recourses as animal feed.
The fundamental ground for food security are fertile soil, biodiversity and healthy ecosystems. If representatives of the agricultural industry now claim that we can no longer afford such “frippery”, this argumentation is simply irresponsible - especially in matters of food security."