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Gesprächsgruppe kleinVom 26.Oktober bis 4. November 2017 war ich im Nord- und Südosten Brasiliens unterwegs, um mir einen eigenen Eindruck über die Folgen eines massiv auf Export setzendes Agrarmodell für  Menschen und Umwelt bedeuten. Die Folgen sind katastrophal: Für Soja-, Mais- sowie Eukalyptus- und Zuckerrohrplantagen wird der Cerrado, eine einmalige und artenreiche Savanne gerodet, um Tierfutter für Europas Mastschweine oder Sprit und Heizpellets für Europas Hunger nach sogenannter „nachwachsender Energie“ zu befriedigen.
Mit Unterstützung der Heinrich-Böll-Stiftung Brasilien habe ich aber auch agrarökologische Projekte besucht, die dieser agrarindustriellen Zerstörung die Stirn bieten. Für die laufenden Mercosur-Verhandlungen muss klar sein: Eine solche rücksichtlose Politik darf Europa weder dulden noch unterstützen!

mehr Informationen: Interview zur und Programm der Reise,  Kleine Landeskunde Brasilien
Terminhinweis: 23.11. - Gesprächsabend zur Reise "Nicht die Bohne wert? Brasiliens Sojaboom und seine Folgen", Böll-Stiftung Berlin

 4.11. Rebouças: Kleinbauern sichern Saatgut, Volksheiler sichern Zugang zur Natur

171104 Brasilien

In der Nähe des Städtchens Reboucas besuchten wir den kleinen Bauernhof von Silvestre, der mit dem "Triunfo Kollektiv" ein Netzwerk zum Schutz alten und gentechnikfreien Saatgutes gegründet hat, welches eine Genbank pflegt und auf kleinen Märkten den Austausch von Saatgut organisiert.

In Reboucas zeigte uns die Volksheilerin Dona Ana, eine neu eingefasste Quelle auf einer kleinen Wiese mit einem Wald dahinter. Es war ein langer Kampf, diesen kleinen öffentlichen Raum und den Wald dahinter frei zugänglich zu halten, denn öffentlichen Raum, so wie in Europa, gibt es in Brasilien nicht. Volksheiler spielen dabei im Bundesstaat Para eine große Rolle, weil ein spezieller Erlass es ihnen erlaubt, alle Flächen, auch den Privatwald, zu betreten, um Kräuter und Arzneirohstoffe zu sammeln. Ausserdem sind sie in den entlegenen Gemeinden eine Autorität. Aktuell wird es aufgrund der Belastung durch Pestizide allerdings immer schwieriger, unvergiftete Naturflächen und Quellen zu finden.

Zwei Ökobauern treffen dazu. Sie erzählen uns, daß sie im Gefängnis saßen, nur, weil sie sich organisierten, um ihre Ökoprodukte an öffentliche Einrichtungen zu verkaufen, was damals laut Gesetz theoretisch förderwürdig war. Dies gefiel einigen Vertretern der Agrarindustrie nicht. Ihre Bewegung wurde kriminalisiert und zerschlagen und zwar auf Betreiben des gleichen Staatsanwalts, der aktuell den Korruptionsskandal aufarbeiten soll, Sergio Morro.
Dieser ist fest mit den Interessen der Großagrarier verknüpft.

"Am Ende meiner Reise bin ich erschüttert, mit welcher Ignoranz der eigenen Bevölkerung gegenüber und mit welcher Gewalt die aktuelle Regierung in Brasilien sich zum Handlanger eines einheimischen und internationalen Agrobusiness macht und zaghafte fortschrittliche Formen einer alternativen Agrarentwicklung, die unter Präsident Lula ansatzweise gefördert wurden, vollkommen unterdrückt und zerstört.
Was hier in Brasilien passiert ist eine Katastrophe. Alle positiven agrarökologischen Ansätze, die wir gesehen haben, stehen unter enormem Druck. Ich hoffe, diese Menschen haben Kraft und einen langen Atem. Wir müssen alles tun, um sie zu unterstützen."

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03.11. Lapa and São José do Triunfo: Besuch der Latinamerican School of Agroecology (ELAA) in Lapa und Treffen mit Saatgutfarmern

171103 Brasilien
Morgens trafen wir uns mit dem Anwalt Darci Frigo, dem Präsidenten des nationalen Menschenrechtsrates. Er berichtet uns von der aktuellen Lage seit der Übernahme der Regierung durch Präsident Temer. Dieser möchte um jeden Preis ein Untersuchungsverfahren wegen Korruption vermeiden. Da aber das Parlament über die Einleitung eines solchen Verfahrens entscheidet und 40 Prozent der Abgeordneten Großagrarier sind, wird aktuell alles getan, um diese zufrieden zu stellen und auf Temers Seite zu ziehen. Das geht von Gefälligkeitsgesetzen, die die Landnahme erleichtern, über die Lockerung der Kontrollen zur Vermeidung von Sklavenarbeit bis zur Niederschlagung von Wiederstandsgruppen, die sich gegen das Landgrabbing wehren, mit Hilfe der Militärpolizei. 2016 sind bei solchen Konflikten 61 Personen getötet worden, dieses Jahr sind es bis jetzt schon 74. Die Militärpolizei hat ihre eigene Justiz und kann nicht belangt werden. In Brasilien besitzen 2% der Bevölkerung 56% des Ackerlandes.

Mittags besuchten wir die Lateinamerika Schule für Agrarökologie in Lapa, die von La Via Campesina mit venezuelanischer Hilfe gegründet wurde. Es fand hier am 3.11. ein Lateinamerika weites Treffen von Geographen statt. Eine große Bewegung von Geographiestudenten Lateinamerikas unterstützt die Forderung nach einer Agrarreform und der Anwendung agrarökologischer Methoden im Gegensatz zur jetzt praktizierten Neo-Kolonisierung und dem Anbau von großen Monokulturen für den Export oder zur Biomassenutzung. Wir schauten uns Agroforst-Felder an.
"Die Art und und Weise wie in Brasilien von Regierungsseite her agiert wird, führt de facto zu einer Agrardiktatur der Großgrundbesitzer und Großinvestoren. Mit solchen Regierungen dürfen wir kein Freihandelsabkommen abschließen, solange in derartiger Weise Menschenrechte aufs gröbste verletzt werden."

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31.10. Besuch der Region Patizal: Besuch von Bauern und Informationen über die Agrarproduktion vor Ort

171031 Morros

In der Gemeinde Morros, nahe der Küste, praktizieren die Bewohner agrarökologische Methoden der Pflanzenproduktion. In Stockwerken unterschiedlicher Höhe werden auf 1-2 Hektar Pflanzen nebeneinander gebaut, so dass sie sich beschatten und den Boden vor Regenerosion schützen. Blattfall, stickstoff sammelmde Pflanzen und Tierexkremente düngen den Boden. Das Agroforstsystem ist der natürlichen Vegetation nachempfunden und besteht aus Pflanzen die lokaltypisch sind. Dies ist eine durchaus intensive Nutzung, jedoch eine hoch diverse.
Zum Teil werden die Produkte zur Selbstversorgung genutzt, zum Teil werden sie auf lokalen Märkten verkauft.
Doch auch hier herrscht Druck auf das Land durch den Einsatz illegaler Landbesitzurkunden. Auch hier müssen die Einwohner fürchten, daß man ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht.

"Die Vielfalt an Pflanzen, die hier auf diesem armen sandigen Boden wachsen ist beeindruckend. Auf diese Weise ist ein hoher Output an Früchten und Nahrungsmitteln möglich, ohne den Wald, den Boden und den Wasserhaushalt zu zerstören, wie es bei den Monokulturen wie Soja oder Eukalyptus der Fall ist."

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30.10. Besuch der Region Buruti, Araçá und Zé Inácio (PT): Gespräche mit kommunalen Vertretern und Politikern

171030 Buriti

 

Die Gemeinde Buriti liegt an der Grenze der fortschreitenden Sojaexpansion in der Kunstregion Matopiba. Auf dem Weg dorthin trifft unsere Gruppe einen kleinen Farmer, dessen Haus von Sojaflächen umzingelt ist.

Ihm wurde mehrfach Gewalt angedroht, wenn er seine Fläche nicht räumt. Er begleitet uns zu einer Versammlung von etwa 70 Vertretern der Gemeinden der Region in einem Dorf in der Nähe. Der Konflikt der Sojaexpansion und die Zerstörung des Cerrado kommen zur Sprache und was das für die Menschen vor Ort bedeutet, aber auch für die Ökosysteme und den Wasserhaushalt in anderen Regionen. Ein Staatsanwalt ist auch anwesend. Wegen Landgrabbing verklagt hat er allerdings bisher noch niemanden...

"Die Sojamonokultur zerstört die Biodiversität des Cerrado, den Boden und den Wasserhaushalt. Und sie nimmt den Menschen hier ihre Lebensgrundlage und die Heimat. Die Art und Weise, wie diese Region genutzt werden soll, muss mit den Menschen vor Ort entwickelt werden, nicht gegen sie. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten den Cerrado und seine Artenvielfalt agrarökologisch und nachhaltig zu nutzen. Monokulturen auf großer Fläche schaffen weder Ernährungssicherheit noch Wertschöpfung. Nicht in Europa und auch nicht in Südamerika. Dieses Agrarmodell nutzt auschließlich Großinvestoren."

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29.10.: Besuch der Region Pau Serrado (Cellulose und Eukalyptus) und Gespräche mit NGOs sowie offiziellen Vertretern.

171029 coceria

In der Gemeinde leben die Menschen mit in und vom Cerrado. Sie halten Rinder und Schweine und ernten Palmfrüchte. Sie sind umzingelt von zehntausenden Hektar Monokulturen mit Soja und Eukalyptus, die auf Flächen wachsen, die, von der Regierung gedeckt, illegal genutzt werden. Denn es ist Land der Gemeinde. Etwa 100 Menschen aus der Gemeinde und 4 weiteren Gemeinden der Region Santa Quiteria sind gekommen, um Martin Häusling zu erzählen, welcher Druck auf sie ausgeübt wird, ihre Heimat für die Ausweitung der agroindustriellen Nutzung zu verlassen. Teilweise mit purer Gewalt. Es gab schon Tote.

"Europa muss klar werden, was der Export riesiger Mengen an Cellulose, Eukalyptuspellets und Sojabohnen nach Europa für die Menschen im Cerrado bedeutet. Was hier passiert ist illegal und ein Verbrechen gegen die Menschenrechte.Wir dürfen solche Prozesse nicht noch durch die Exportfokussierung des Mercosur-Abkommens unterstützen."

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28.10. Cajueiro: Treffen mit Wissenschaftlern der GEDMMA/Federal University of Maranhão und Vertretern von Agrar-NGOs. Besuch der Soja-Region Baixo Parnaíba

171028 CajueiroDie Gemeinde Cajueiro, östlich von Sao Luiz soll der privaten Hafenneugründung Porto de Madeira weichen, die für bessere Exportkonditionen für Kupfer, Aluminium, Cellulose, Eisenerz und Agrorohstoffe sorgen soll. Die Bewohner der Gemeinde leben schon lange an diesem Ort, es ist ihre Heimat. Sie leben vom Fischfang und dem Anbau von Palmfrüchten und Caju ( der Frucht der Cashew-Nuss). Der Prozess folgt bisher nicht der rechtlich vorgesehenen Beteiligung der Bevölkerung. Nachdem sich in der Gemeinde Widerstand gebildet hat, wird sie von den privaten Investoren stark unter Druck gesetzt. Das geht bis zur Einschleusung von Sicherheitskräften mit dem Ziel, die Gemeindemitglieder zu entzweien. 

"Hier werden Grundrechte ausser Kraft gesetzt, um private Interessen durchzusetzen, deren Nutzen für eine nachhaltige Entwicklung der Region zumindest zweifelhaft erscheinen und die demokratisch diskutiert werden müssten. Dazu gehört auch eine breite legale Beteiligung der Bevölkerung und die Durchführung von neutralen Folgeabschätzungen für Anwohner und Natur. Das ist definitiv auch eine Frage der Einhaltung von Menschenrechten."

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27.10.: Besuch des Hafens von Itaqui im Nordosten Brasiliens.

Der neue Hafen Terminal, der ausschließlich für die Verschiffung der Sojaernte der Kunst-Region MATOPIBA gebaut wurde. Besuch des Hafenpräsidenten.

171027 Porto

171028 Porto

 Die aktuelle Entwicklungsstrategie geht so: Der Hafen stellt die Infrastruktur für private Investoren, die das Hinterland "in-wert-setzen" und entwickeln sollen. Damit ist gemeint, nicht länger nur Rohstoffe zu exportieren, sondern direkt Rindfleisch im großen Stil zu produzieren. Nicht länger als Weidetiere des Cerrado, sondern als Mastrinder in Feetlots mit dem eigenen Mais und Soja. So bleibt mehr Wertschöpfung im Land. Doch wo bleibt die Grünland-Savanne des Cerrado? Als Klimaschutzwald und als Wasserspeicher? Wo bleiben die Kleinbauern der Region?

 

 

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